Blog AIT-ArchitekturSalon

Die Stadt als Selbstbauprojekt – Rückblick auf die Ausstellung „Nadogradnje“

Nadogradnje | © Gregor Theune

Urbane Selbstregulierung in postjugoslawischen Städten

»Nadogradnje« bezeichnen informelle Dachaufbauten im ehemaligen Jugoslawien, die bereits historisch im architektonischen Gedächtnis der Region verankert sind. Sie zeigen Strategien für eine Resilienz im Wohnungsbau, meist geprägt von niederschwelligen Low-Tech-Verfahren jenseits staatlich reglementierter Planung. Der Kölner Architekturfotograf Gregor Theune nahm sich diesem urbanen Phänomen an und dokumentierte es in großformatigen Fotografien, die von Sommer 2016 bis Frühjahr 2017 in den AIT-ArchitekturSalons gezeigt wurden. Gemeinsam mit dem Gestalter Sven Quadflieg hat Gregor Theune das bei M BOOKS erschienene, gleichnamige Buch herausgegeben, das diesen Prozess aus dem Blickwinkel verschiedener Wissenschaftsdisziplinen untersucht.

Das Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens und der überaus schnelle, streckenweise unregulierte, städtebauliche Wandel der Region seit den 1990er Jahren war in der jüngeren Vergangenheit wiederholt Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Mit dem Fokus auf die „Nadogradnje“ in Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Serbien, im Kosovo und in Mazedonien fügte die dokumentarfotografische Arbeit von Gregor Theune und das aus ihr hervorgegangene Buch dieser Diskussion eine neue Dimension hinzu.

Der AIT ArchitekturSalon präsentierte diese Arbeit in beeindruckenden großformatigen Abzügen in Köln und anschließend in Hamburg. Gregor Theune zeigte sich im Rahmen der Vernissage begeistert: „Die Erkundung des Stadtraumes, das physische Erfahren der Orte und das verhältnismäßig langsame Arbeiten mit einer Fachkamera sind für mich immer auch ein Akt der Aneignung und damit wichtiger Teil einer weiteren inhaltlichen Auseinandersetzung. Ich freue mich sehr, dass wir das Ergebnis dieses Prozesses nun sowohl als Buch als auch in einer Ausstellung präsentieren können“.

Die Errichtung der „Nadogradnje“ zeigen Strategien für eine Resilienz des Wohnungsbaus auf. Es werden zumeist niederschwellige Low-Tech-Verfahren jenseits staatlich reglementierter Planung genutzt, die jedoch ein Bewusstsein für sich im Laufe der Lebensdauer eines Gebäudes ändernde Bedingungen und Anforderungen der Bewohner in sich tragen und dafür nachhaltige Lösungen auf informellem Weg suchen. Die Größe und Ausprägung der Nadogradnje ist dabei kaum einzugrenzen: es finden sich überbaute kleine Balkone ebenso wie mehrstöckige Wohneinheiten, die auf bestehende Gebäude aufgesetzt oder schon in der Planungsphase dem Bauwerk illegal hinzugefügt werden. Teils dienen die Aufstockungen der persönlichen Nutzung durch die Bewohner, teils aber auch der Erwirtschaftung von Gewinn. Genauso breit gefächert ist auch die Verortung dieser Art der eigenmächtigen Aneignung des Bauens und der Stadtgestaltung, die sich sowohl über Altstädt wie auch Neubaugebiete erstreckt.

„Die Aufbauten sind dabei schon historisch im architektonischen Gedächtnis der Region verankert und bieten daher eine besonders eindrückliche und spannende, weil immanente Reaktion auf die rasante urbane Entwicklung der Region während ihrer Transformation von sozialistischen Plan- zu neoliberalen Marktwirtschaften“, so Mit-Herausgeber Sven Quadflieg. Sie zeigten, wie im Bereich des Wohnens Einflüsse von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu neuen Formen architektonischer Ordnung führten und seien somit, trotz ihrer ganz eigenen visuellen Faszination, keine ausschließlich gestalterisch zu betrachtende Erscheinung.

In den Jahren 2010 bis 2014 ist Gregor Theune wiederholt in die Region gereist, um die fotografische Näherung an das Phänomen der Dachaufstockungen zu erarbeiten. 29 mit analoger Großformattechnik aufgenommene Ansichten bilden damit den visuellen Hintergrund des beim Weimarer Architekturbuchverlag M BOOKS erschienenen Buches „Nadogradnje – Urban Self-Regulation in Post-Yugoslav Cities“, das zugleich Dokumentation und erste Interpretation der Thematik ist.

Der Verleger Michael Kraus erläutert: „Die Fotografien sind gleichberechtigter Beitrag neben einer Reihe wissenschaftlicher Beiträge im Buch, die das Prinzip „Nadogradnje“ aus den spezifischen fachlichen Perspektiven der Architektur, der Stadtforschung, der Soziologie, der Ästhetik und der Philosophie untersuchen“. Anhand dieser Beiträge wird das breite diskursive Feld um die soziale, politische, städtebauliche und nicht zuletzt gestalterische Bedeutung der „Nadogradnje“ vermessen und ein Bedeutungstransfer in globalere Kontexte unternommen.

 

Nadogradnje | Urban Self-Regulation in Post-Yugoslav Cities
herausgegeben von Sven Quadflieg & Gregor Theune
ISBN 978-3-944425-04-7
€49,00

ausgezeichnet mit dem DAM ARCHITECTURAL BOOK AWARD 2016

weitere Informationen zum Buch finden Sie auf der Webseite von M-BOOKS.

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