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Nachbericht Dialog nach 6 // virtuell – Neue Nachbarschaften: im Kontext vom Haus über den Block zum Solitär

Auf den Veranstaltungen der Reihe „Dialog nach 6“ diskutieren internationale Gäste je eine Fragestellung der Baukultur und beleuchten diese in ihren Kurzvorträgen. Am Dienstag, den 14. Dezember 2021 ab 18 Uhr stellten Günter Katherl, CARAMEL (AT-Wien), Sven Matt, Innauer Matt Architekten (AT-Bezau) und Martin Sobota, Cityförster (NL-Rotterdam) unter dem Motto „Neue Nachbarschaften: im Kontext vom Haus über den Block zum Solitär“ in ihren Online-Beiträgen innovative Projekte vor.

Die Bedürfnisse an unser Wohn- und Lebensumfeld ändern sich nachhaltig. Quartiere sollen in kleinteiligen Strukturen eine große Vielfalt bieten und unterschiedliche Nutzungen in der Nachbarschaft miteinander verknüpfen. Das Aufeinandertreffen von privatem und öffentlichem Raum erhält dabei eine neue Dimension. Die Frage nach dem Kontext des Ortes – vom Haus über den Block zum Solitär – dessen Materialität und Funktion, gewinnt immer mehr an Bedeutung. Architektur, die ortsverbunden und nachhaltig ist, flexibel geplant wird und dabei zugleich in einen Dialog mit der Komplexität der Umgebung und der Gesellschaft tritt, war Thema des „Dialog nach 6 // virtuell“.

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Den Beginn machte Martin Sobota, einer der Gründungspartner von CITYFÖRSTER architecture + urbanism und geschäftsführender Partner am Standort Rotterdam. Unter dem Motto „creating better places“ stellt er das „Kollektiv. Eco-Village“ in Hannover vor, an dem Cityförster aktuell zusammen mit dem Büro studiomauer aus Hannover arbeitet.
Gemeinsam mit der Baugenossenschaft mit sehr aktiven Mitgliedern soll in einem ko-kreativen Prozess eine neue Form von Kollektivität und Stadtbau entstehen. Dabei ist Cityförster auf allen Ebenen vom Städtebau bis zum konstruktiven Detail involviert. Das als sogenanntes Suffizienz-Quartier angelegte Eco-Village befindet sich – geteilt in zwei Bauabschnitte – momentan im Bau und soll 2026 gänzlich fertiggestellt sein. Es ist angesiedelt zwischen Stadt und Land und hat das Leben als Gemeinschaft zum Ziel: Angelehnt an die Idee eines Öko-Dorfes ist es weitestgehend selbstversorgend aufgestellt, soll eine hohe soziale Durchmischung aufweisen und viele gemeinschaftlich genutzte Flächen sowohl im Außenraum, wie auch im Inneren der Gebäude aufweisen.
Dabei dient der Dorfplatz als zentrales „Herz“ des Stadtteils: Er liegt unmittelbar an der Fahrradachse, die das neue Quartier an den umliegenden Bestand anbindet und bietet außerdem unter anderem einen Genossenschaftsladen, ein Gästehaus, Co-Working-Einrichtungen und eine gemeinschaftlich genutzte Werkstatt.
Weite Teile der öffentlichen Freiräume des Quartiers sind als Allmende mit Spielplätzen und Genossenschaftsgärten konzipiert. Auch die Parkflächen für die PKW der Anwohner sind hier untergebracht und mit einem Schlüssel von nur 0,2 Fahrzeugen pro Wohnung so klein wie möglich gehalten.
Die 500 Wohneinheiten sind in Nachbarschaftsblöcken organisiert und jeweils um die sogenannten Anger, zentrale öffentliche Freiflächen, angelegt. Unterschiedlichste Typologien und Gebäudehöhen sorgen für ein aufgelockertes Bild.
Eine der Typologien, das Laubenganghaus, stellt Martin Sobota näher vor, da darin viele grundsätzliche Ideen der Planung exemplarisch deutlich werden.
Bei der Planung sollte eine Balance von Freiheit und Gestaltung gefunden werden. So kommen viele flexible Grundrisse und gemeinschaftliche Wohnformen zum Einsatz. Ein Geschoss setzt sich zum Beispiel aus drei Wohneinheiten in einem größeren Cluster zusammen. Es gibt gemeinschaftlich genutzte Flächen für Kochen und Aufenthalt, die jeweiligen Privaträume finden sich davon separiert. Genauso finden sich auch Wohnungen mit eher klassischem Grundriss, die jedoch bei Bedarf teilbar leicht teilbar sind.
Neben den Laubengängen als halböffentliche Räume, dient das Dach des Gebäudes als Produktionsfläche für Energie, als Regenwasserspeicher und als weiterer Treffpunkt für die Bewohner.

Günther Katherl, Geschäftsführer und Gründungsmitglied von Caramel Architekten aus Österreich, nahm uns anschließend mit auf eine vielfältige Tour durch unterschiedlichste Projekte des Büros rund um die vielfältigen Bestandteile, die eine Nachbarschaft ausmachen.
Zunächst zeigte er das „Linz 09“, ein Infocenter für die Europäische Kulturhauptstadt Linz im Jahr 2009. Das Infocenter, welches in einem Bestandsgebäude untergebracht wurde, öffnete sich in den Außenraum indem sich die Gestaltung mit einem typischen roten „Tischtuch-Muster“ wie ein Teppich über den Bürgersteig auf den angrenzenden Hauptplatz erstreckt und so die Menschen in das Gebäude zieht. Der neu geschaffene Aufenthaltsraum wurde während der Laufzeit der Kulturhauptstadt sehr gut angenommen, danach jedoch, da er drei Parkplatz in Beschlag nahm, zurückgebaut und in anderer Gestaltung auf die unmittelbar an das Gebäude angrenzende Fläche verkleinert.
Neben weiteren Projekten zeigt Günther Katherl einige Einfamilienhäuser:
Der Wohnbau cj5 in Wien, das Haus für einen Künstler, inklusive Atelier, welches sich geradezu von der Umgebung distanziert und sich ins Innere konzentriert – eine sehr „japanische“ Anmutung. Als stark verdichteter Flachbau nutzt er das kleine Grundstück von 4m Breite und 35m Länge gänzliche aus.
Das „Lina“ in Linz dagegen, ein Zubau zu einem bestehenden Haus, legt den Fokus auf Nachhaltigkeit. Der Holzbau mit Zellulosedämmung, vermeidet die Versiegelung des Bodens, da er auf Punktfundamenten „schwebt“. Vor 16 Jahren errichtet wurde es kürzlich transformiert und mit zweigeschossigem Anbau und Vordach den veränderten Bedürfnissen der Bewohner angepasst – jetzt als „Linalotte“. Auch mit einer äußeren Hülle aus PVC zeigt es sich so langlebig und mit recht geringen Mitteln erweiterbar, so dass es auch ohne Zertifizierung durchaus als nachhaltig angesehen werden kann.
Caramel beweisen in diversen Projekten auch immer wieder den kreativen Umgang mit dem Bauen am Hang und dem Umgang mit der beim Bauen scheinbar schwer vermeidbaren Versiegelung von Flächen. So zeigt Günther Katherl mehrere Projekte mit begrünten Dächern, die den Boden in eine andere Ebene verlegen. Beim einem Wohnhaus geht dies soweit, dass der Garten sich bis zum höchsten Punkt des Gebäudes zieht und es so zu seinem eigenen Berg wird und im Winter von den Bewohnern begeistert zum Rodeln genutzt wird.
Seit drei Jahren befindet sich das neue Büro von caramel in zentraler Lage in Wien. Hier wurde neben der Gestaltung der Büroflächen auch stark die Einbindung nach außen – vorne in Richtung Straße und hinten zum nachbarschaftlich genutzten Garten – mitgedacht.
Zum Abschluss dieser Reise durch ein breites Spektrum auch ungewöhnlicher Projekte sehen wir „Homemade“, welches 2016 im Österreichischen Pavillon auf der Architektur-Biennale in Venedig präsentiert wurde. Mit einfachsten Mitteln wie Sonnenschirmen und aufgespannten Textilien, werden in einzelnen Modulen große zuvor nicht abgegrenzte Flächen einer Flüchtlingsunterkunft in Zimmer unterteilt. Gemeinsam gebaut und mit einem „Setzkasten“ von immer gleichen Materialien für nur 50€, wurden beträchtliche Auswirkung auf das Wohlbefinden der dort untergebrachten Menschen erreicht.
Nach der Gestaltung des Inneren, wurden nach und nach der Vorgarten in einen öffentlichen Garten umgestaltet und in Aufenthaltsbereichen vor dem Gebäude weitere Kommunikationszonen geschaffen, mit denen sich das Projekt in die Nachbarschaft öffnet.
„Autarkie und Kontext“ war der Titel des Vortrags von Sven Matt, Partner bei Innauer-Matt Architekten. Mit einem frühen Projekt des Büros, dem „Haus für Julia & Björn“ zeichnete er exemplarisch den Umgang des Büros mit dem Thema Wohnen, Kontext und Landschaft nach. Obwohl das Objekt vor über 10 Jahren gebaut wurde, hat sich an dieser Herangehensweise nichts geändert, sie hat sich eher noch vertieft.
Im Bregenzer Wald sollte auf einem schmalen, steilen Hanggrundstück ein Einfamilienhaus entstehen. Ziel war dabei, ein modernes Haus zu planen, das sich gleichzeitig gut in die von sehr traditioneller Voralberger Bauweise geprägte Umgebung des Ortes eingebunden ist.
So zeigt sich die äußere Gestaltung die Prinzipien, die auch bei den Bestandsbauten zu finden sind: ein zweistöckiger Längsbau mit Satteldach und einer Holzfassade, die sich an die repräsentativ gestalteten bürgerliche Häuser der Händler im Ort anlehnt. Bei dem Neubau wird jedoch auf traditionelle Ornamente verzichtet und stattdessen eine einfach konstruierte, aber prägnante Fassade aus gekreuzten Latten eingesetzt. Das hierfür benötigte Material wird aus eigenem Wald des Bauherrn gewonnen. Dank dessen Lage an einem Nordhang hat das Fichtenholz eine hohe Qualität und kann in vielen Bereichen des Hauses eingesetzt werden. Auch dadurch ist das Projekt stark mit der Region verbunden.
Die Organisation der Funktionen im Innenraum ist teilweise auf den Kopf gestellt: Der Eingang befindet sich in der oberen Ebene des Gebäudes, wo – ganz klassisch – auch die Schlafräumen untergebracht sind. Eine klare Wegeführung ins Erdgeschoss, das als eher „öffentliches Geschoss“ dient, wird über eine breite Treppe unmittelbar an der Eingangstür erreicht. Das freier in relativ offenem Grundriss organisierte Untergeschoss, beherbergt Wohn-, Ess- und Küchenbereich mit einem Ofen als Zentrum. Auch im Ausbau kommt großflächig das eigene Holz zum Einsatz, selbst als Bodenbelag. Hier zeigen sich mit der Zeit unvermeidbar die Spuren der Nutzung, die allerdings bewusst in Kauf genommen und als lebendiger Teil des „Familienmitglieds“ Wohnhaus geschätzt werden.
Das Holz aus dem Wald des Bauherren wird auch für das Energiesystem verwendet. Der zentral im unteren Wohnbereich verorteter Ofen dient zusammen mit einer Solaranlage sowohl als Heizung wie auch als Warmwasseranlage. Somit ist das Haus, abgesehen von den benötigen 5m³ Holz, autark von externer Energiezufuhr.
Entstanden ist mit dem „Haus für Julia & Björn“ also ein Unikat, das – auch wenn die Gestaltungsprinzipien leicht auf andere Umgebungen übertragbar zu sein scheinen – nicht einfach an anderen Ort versetzt werden kann, da es tief in seinem höchst spezifischen Kontext verwurzelt ist.

Den Abschluss der Liveveranstaltung bildete eine lebhafte Diskussion der Vortragenden basierend auf Fragen der Zuschauer*innen. Immer wieder kam hier auch das Thema der Nachhaltigkeit und ihrer unterschiedlichen Auslegung zur Sprache, genauso wie die Frage, ob das Aussehen die Architektur definiert – oder definieren sollte – oder vielmehr die Funktion.


Referent*innen im Portrait

Günther Katherl ist Geschäftsführer und Gründungsmitglied von Caramel Architekten. Er legt viel Wert auf Innovation und umweltverträgliche Konzepte. Eines seiner liebsten Materialien ist Holz; Er glaubt aber auch, dass die Nachfrage von Leichtbeton mit dem Anstieg vom geplotteten Bauen zunehmen wird. Sein Büro liegt in Wien und dort arbeiten neun Architekten zusammen. Gerne sprechen sie von dem Büro „17 Türken“ und sagen über sich: Unser Büro bietet den notwendigen und unkonventionellen Freiraum, den man braucht, um auf außerordentliche und einzigartige Ideen zu kommen. Es braucht Orte der Kommunikation und Rückzugsorte, um Orte der Kommunikation und Rückszugsorte zu schaffen…
www.caramel.at

Sven Matt gilt in der Szene als Teil des mit innovativsten Büros derzeit: Innauer-Matt Architekten aus dem österreichischen Bezau räumten in den letzten sieben Jahren rasant viele Preise bei Wettbewerben ab. Der bewusste Umgang mit Materialien und der Umgebung ist sehr gefragt. Er kennt seinen Partner Markus Innauer aus frühester Kindheit und stimmt sich mit ihm quasi ohne Worte ab. So entstehen Bauten, die sich wie selbstverständlich in die Landschaft einfügen. Ihr erstes Projekt war eine Seilbahn in der Heimat und das Bemühen um die Ausgewogenheit und der Verzicht auf reißerische Architektur hat sich ausgezahlt.
www.innauer-matt.com

Martin Sobota ist Gründungspartner von CITYFÖRSTER architecture + urbanism und geschäftsführender Partner am Standort Rotterdam. Er verantwortet den Bereich Strategische Standortentwicklung und Internationales Bauen. Sein Spezialgebiet sind Architektur und Städtebau mit sozial-ökonomischer Wirkung – in den Niederlanden, Südost-Europa und Südost-Asien, aber insbesondere auch in Schwellenländern und -gebieten wie Sub-Sahara Afrika. Martin Sobota arbeitet als Berater, z.B. für die KfW Entwicklungsbank, die Weltbank und UN Habitat. Aufbauend auf erste berufspraktische Erfahrungen bei Greg Lynn Form und Shigeru Ban, realisierte er als erstes eigenes Projekt ein 15.000 m2 großes Wohnquartier in Tirana (Albanien). Seitdem hat er mehrere internationale Projekte von der Konzeptfindung bis zur Ausführung betreut. Aktuelle Beispiele sind der CLGTI Campus in Chalimbana (Zambia) und das Lungomare in Dhermi (Albanien). Dem Büro ist es außerordentlich wichtig, nachhaltig zu arbeiten. Der Erfolg gibt ihnen Recht: Sie sind für den deutschen Nachhaltigkeitspreis 2021 vorgeschlagen.
www.cityfoerster.net

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Christian Olufemi und Jörg Moser

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