Blog AIT-ArchitekturSalon

Rückblick auf die Ausstellung „João Filgueiras Lima – Lelé“

 

João Filgueiras Lima – Lelé
A Culture of Materials and the Art of Production

Eine Ausstellung entwickelt vom Museu da Casa Brasileira, São Paulo in Zusammenarbeit mit der Architekturfakultät der TU-Delft. Kuratorenteam Giancarlo Latorraca (MCB) und Max Risselada (TU-Delft).

2015 zeigte der AIT-ArchitekturSalon die beeindruckende Ausstellung „João Filgueiras Lima – Lelé. A Culture of Materials and the Art of Production“, die vom Museu de Casa Brasileira in São Paulo in Zusammenarbeit mit der Architekturfakultät der TU-Delft kuratiert wurde. Die Werkschau konzentrierte sich auf die Fußgängerbrücken in der Stadt Salvador sowie die richtungsweisenden Planungen und Realisierungen einer Reihe von Krankenhäusern und Reha-Zentren für Menschen mit Behinderung im Nordosten Brasiliens. Präsentiert wurden die Projekte anhand von Plänen, großformatigen Fotografien und Modellen, die eigens für die Ausstellung an der Architekturfakultät in Delft gefertigt wurden.
In unserem Virtuellen Salon blicken wir noch einmal auf diese vielschichtige Ausstellung zurück.

Die Karriere des brasilianischen Architekten João da Gama Filgueiras Lima – besser bekannt als Lelé – begann Ende der 1950er-Jahre, nachdem er sein Architekturstudium an der Escola de Belas Artes (School of Fine Arts) in Rio de Janeiro erfolgreich abgeschlossen hatte. In enger Zusammenarbeit mit Lucio Costa und Oscar Niemeyer war er am Aufbau Brasilias, der neuen Hauptstadt Brasiliens, beteiligt. Lelés Beitrag konzentrierte sich hauptsächlich auf die Entwicklung experimenteller Bausysteme aus Stahlbeton und darauf, den Anforderungen dieser rasant wachsenden Stadt zu entsprechen. Bereits in den 1960er-Jahren widmete er sich den ersten sozialen Bauprojekten.

Eines seiner ersten Projekte ist das gemeinsam mit Niemeyer entworfene Krankenhaus Taguatinga in Brasilia (1968), das aus Betonfertigteilen gebaut wurde. Durch Stahlbleche, die als Trennwände eingesetzt wurden, war der Innenraum variabel und konnte flexibel erweitert werden. Die Verwendung standardisierter Konstruktionselemente sowie serieller Module für den Innenraum ermöglichte eine hohe Flexibilität bei geringen Kosten.

Während seiner 40-jährigen Schaffensphase verfolgte er eine Architektur, die stets auf die Bedürfnisse ihrer Bewohner zugeschnitten war. Auch in der Zeit der Militärdiktatur setzte er seine Bemühungen fort, seine architektonische Sprache mit industriell gefertigten Bauteilen in Beton und Stahlbeton umzusetzen. Ab den späten 1970er-Jahren, in Zeiten einsetzender politischer Veränderungen, realisierte Lelé auch in Favelas zahlreiche staatliche Einrichtungen wie Gesundheitszentren, Krankenhäuser und Schulen sowie Infrastrukturprojekte wie Busstationen, Fußgängerbrücken und Abwassersysteme.

Zwischen 1978 und 1982 war Lelé an einem großangelegten Infrastruktur-Projekt für Salvador beteiligt. Bereits 1959 wurde RENURB (Company of Renovation of Salvador) vom damaligen Bürgermeister Mário Kertész mit dem Ziel gegründet, die Infrastruktur der Stadt zu verbessern. Im Zuge des kommunal geförderten Projekts wurden aus standardisierten und vorgefertigten Bauteilen ein Busbahnhof, zahlreiche Busstationen und Zeitungskioske realisiert sowie das Wassersystem der Stadt revitalisiert.
Mitte der 1980er-Jahre entwarf Lelé für die Stadt Salvador eine standardisierte, bis zu 35 Meter lange Fußgängerbrücke aus einer einfachen, metallenen Gitterstruktur. Stelzen in Form runder Türme, die die Brücke stützen, dienen gleichzeitig als Abzweigungspunkt, um diese in eine andere Richtung zu lenken oder einen Abgang in Form einer Rampe zu schaffen. Nach diesem Modell wurden unter anderem die Passarela Bonocô, Pasarella Chame-Chame und Pasarella Vasco da Gama umgesetzt.

Da Lelé bei der Realisierung seiner Projekte immer eine gesündere Gesellschaft im Auge hatte, war er darauf bedacht, Grünflächen einzubinden sowie eine natürliche Belichtung und Belüftung der Räume zu schaffen. Diesen Prinzipien ist Lelé bei seinen zahlreichen Krankenhausprojekten, wie beispielsweise den Krankenhäusern Sarah Kubitschek mit Standorten unter anderem in Brasilia (1980), Salvador (1991) und Rio de Janeiro (2001), treu geblieben.

In vielen Fällen war Lelé nicht nur für das Design, sondern auch für die Durchführung der Baumaßnahmen verantwortlich. Eigens zu diesem Zweck wurden Baufirmen gegründet, die die benötigten Komponenten industriell herstellten. Lelés Suche nach der Möglichkeit, ein Maximum an Qualität mit einem Minimum an Aufwand zu erreichen, gipfelte in einer Architektur, die als „entspannte Intensität“ umschrieben werden kann.

Diese Herangehensweise an die Architektur wurde vom Museu de Casa Brasileira in São Paulo in Zusammenarbeit mit der Architekturfakultät der TU-Delft in der Ausstellung „Arquitetura de Lelé: fábrica e invenção“ zusammengefasst. Kuratiert wurde die Werkschau von Giancarlo Latorraca, Technischer Director des Museums und Prof. Max Risselada der TU-Delft. Die Präsentation konzentriert sich auf die Fußgängerbrücken in der Stadt Salvador, die den Menschen den Zugang an das öffentliche Verkehrsnetz ermöglichen und gleichzeitig die Stadtteile miteinander verbindet, die sonst durch stark befahrene Straßen voneinander getrennt werden. Ein weiterer Schwerpunkt sind die richtungsweisenden Planungen und Realisierungen einer Reihe von Krankenhäusern und Reha-Zentren für Menschen mit Behinderung im Nordosten Brasiliens sowie der Schaffung der dafür notwendigen Produktionsketten unter der Schirmherrschaft Sarah Kubitscheks.

Erstmals wurde die beeindruckende Ausstellung 2010 im Museu da Casa Brasileira in São Paulo gezeigt. Das ehemalige NAi in Rotterdam präsentierte 2012 eine überarbeitete Fassung, für die neue Modelle an der Architekturfakultät in Delft hergestellt wurden. Als Co-Kurator wirkte Jorn Konijn bei dieser Ausstellung mit.

 

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