Blog Interior Scholarship

Interior Scholarship 2020 – Das AIT Stipendium der Sto-Stiftung

 

 

Interview mit den Stipendiat*innen Catalina Dumitru, Marie Jõgi, Eff Libilbéhéty und Lauritz Bohne

Mit dem AIT-Stipendium der Sto-Stiftung werden Studierende der Innenarchitektur für ihre Ideen und kreativen Denkweisen ausgezeichnet. Das mit insgesamt 24.000 Euro dotierte Interior Scholarship erhalten im Studienjahr 2020/2021 Catalina Dumitru (University of Architecture and Urbanism ION MINCU, RO-Bukarest), Marie Jõgi (Estonian Academy of Arts, EE-Tallinn), Eff Libilbéhéty (Gerrit Rietveld Academie, NL-Amsterdam) und Lauritz Bohne (TU Delft, NL-Delft).

Uwe Koos, der  damalige Vorsitzende des Stiftungsvorstands der Sto-Stiftung, und Kristina Bacht, Verlagsleiterin AIT-Dialog, sprachen mit den Vieren bei einem – in diesem Jahr digitalen – Treffen am 23. Oktober 2020.

Catalina, stell dich bitte kurz vor

Catalina Dumitru: Es begeistert mich, Ideen in den Raum zu übersetzen. Ich möchte, dass meine Arbeit auf subtile Weise Mehrdeutigkeit transportiert, sodass die Menschen die Möglichkeit haben, nicht nur zu fühlen, sondern auch selbst zu denken. Raumgefühl war mir schon immer wichtig. Meine bedeutendsten Erfahrungen haben mit Räumen zu tun. Ich interessiere mich leidenschaftlich für das Material, mit dem ich arbeite, und für die Ideen, die ich damit umsetzen kann. Meine Hoffnung ist, dass meine Arbeit eines Tages jemanden zu Gefühlen und Gedanken anregt, die weder Musik noch Sprache hervorrufen konnten, sondern nur das Vorhandensein in diesem, von mir geschaffenen Raum.

Was genau studiert ihr an den unterschiedlichen Hochschulen?

Eff Libilbéhéty: Ich studiere Architektur und Design an der Rietveld Academie. In unserem Fachbereich konzentrieren wir uns darauf, einen Kontext zu schaffen, in dem Subjekte (Menschen, Natur, Technologie, Güter) existieren können. Es geht darum, zu leben, zu interagieren, sich zu bewegen, sich zu verhalten, etc. Wir nehmen einen philosophischen, soziologischen und politischen Standpunkt ein, um die Beziehung zwischen den Subjekten zu untersuchen. Dabei liegt der Schwerpunkt mal in der Architektur, mal in der Skulptur, manchmal aber auch darin, neue Regeln oder Systeme zu schaffen. Dennoch geht es im Fokus immer darum, einen Kontext für die Lebenden zu schaffen.

Was begeistert euch an eurem Studium?

Lauritz Bohne: Die Freiheit meine Gedanken voll ausleben zu dürfen sowie der Aha-Effekt nach tagelanger Auseinandersetzung mit den Bedingungen, die den Design-Prozess beeinflussen, begeistert mich.Letzteres erlebe ich wie einen Rausch, der mich süchtig macht, wie einen Spieler an einem Automaten, der immer wieder enttäuscht wird und schließlich doch gewinnt.

Catalina Dumitru: Vor meinem Wechsel zur Innenarchitektur habe ich Philologie studiert. Vielleicht ist das der Grund, weshalb meine Erfahrung mit Design am Intensivsten ist, wenn das Gestaltete Gedanken über Geschichte, über unsere Lebensweise oder unsere Vorurteile hervorruft und nicht nur die „Architektur“ an sich betrachtet („Das ist eine gute Komposition“, usw.). Ich bin immer auf der Suche nach effektiver Beleuchtung, räumlicher Organisation und ungewöhnliche Möglichkeiten, mit dem Material umzugehen, denn gutes Innenraumdesign fordert unser Denken aus einem primär physischen Erleben heraus – es bietet eine multisensorische Erfahrung, die gelebt und nicht nur gesprochen werden muss.

Marie Jõgi: In meinem Studium lasse ich mich von vielen Dingen inspirieren. Vor allem von der Natur, denn ich glaube, dass alles in gewisser Weise zu den natürlichen Mustern, Texturen und Funktionen zurückführt. Auch inspirieren mich andere Künstler und Architekten, ihre Werke und Lebensgeschichten. Das motiviert mich weiter zu arbeiten und das zu tun, was ich für meinen Lebensinhalt halte. Eine weitere Sache, die mich inspiriert, sind die Menschen, für die ich meine Kunst mache. Die glücklichen und dankbaren Gesichter und das Feedback. Und natürlich die Zusammenarbeit mit anderen Menschen. Ideen auszutauschen und gemeinsam kreativ zu werden, ist eines der erhebenden Gefühle, und durch Zusammenarbeit kann man so viel mehr erreichen.

Eff Libilbéhéty: Innenarchitektur und Architektur sind der Schauplatz des Theaterstücks des Lebens. Es ist erfüllend, sich vorzustellen, dass ich/wir versuche(n), den präzisesten Kontext zu schaffen, in dem ein Mensch leben kann. Außerdem sind die Menschen buchstäblich IN ihrem Werk. Sie sehen es nicht nur an, sie erleben es mit ihrem Körper und ihrer Seele.

Was bedeutet für euch das Studium der Innenarchitektur?

Lauritz Bohne: Mit Innenarchitektur verbinde ich eine Auseinandersetzung höchsten Detaillierungsgrads, die den Menschen im Fokus sieht. Während man sich im Studium der Architektur oft aus einer städtebaulichen Situation heraus der „Lösung“ annähert – also versucht, von gesellschaftlichen Gegebenheiten Form zu deduzieren – glaube ich, dass in der Innenarchitektur andersherum Form aus den Bedürfnissen des Einzelnen induziert werden kann. Beides sind meiner Meinung nach Herangehensweisen, die einander bedingen und nicht voneinander zu trennen sind. Genauso wie sich das Innen und Außen gegenseitig voraussetzt, während das eine stets der Kontext des anderen ist.

Eff Libilbéhéty: Es gibt eine ethische Verantwortung für die Arbeit als Designer. Daher ist meine Arbeit als Instrument zum Hinterfragen von Gewohnheiten nicht zum Anschauen, sondern zum Erleben gedacht. Indem ich Theorie, Militanz und Design verbinde, beobachte und seziere ich die Welt mit soziologischen und philosophischen Mitteln, um die Dynamiken zu verstehen, die sie beherrschen. Dann konfrontiere ich diese Erkenntnisse durch räumliches oder grafisches Eintauchen. Hauptsächlich interaktiv, schlage ich nie eine direkte Antwort vor, sondern einen freien Fluss (extrinsischer Effekt), in den sich die Öffentlichkeit einbringen kann, um sich ihre eigene Meinung zu bilden (intrinsischer Effekt). Er hat keinen Selbstzweck, sondern ist vielmehr ein Instrument, das hilft, die Grenzen zu verstehen. Schließlich lernen wir durch die Ausübung unserer Vernunft, vernünftig zu denken. Meine Arbeit vervollständigt sich mit den anderen, da ich glaube, dass die Menschen unterschiedliche Ressourcen in sich tragen. Durch meine Beiträge biete ich nur Vorschläge und rege sie dazu an, ihre eigene kritische Meinung zu entwickeln.
Gestalten, nicht für Benutzer, sondern mit Menschen!

Was sind eure Zielsetzungen und wo zieht es euch beruflich hin?

Lauritz Bohne: Mein Ziel ist es, in meinem zukünftigen Beruf meine gedankliche Freiheit bewahren zu können. Wie ich möglichst selbstbestimmt (oder Teil einer selbstbestimmten Gruppe) arbeiten kann, ist eine Frage, der ich nachgehe. Gestaltung bedeutet abstrakt nicht nur ein Endobjekt zu entwickeln, sondern beinhaltet auch den Prozess, den es bedarf, um Gestalt anzunehmen. In dieser Prozesshaftigkeit und Auseinandersetzung mit dem Problem, findet Gestaltung vor allen Dingen, so denke ich, oft Antworten auf gesellschaftliche Fragestellungen. Die Arbeitsweise ist stets ein maßgebender Teil des Prozesses, die immer wieder hinterfragt werden muss. So will ich in Zukunft auch neue, der Zeit entsprechende, Arbeitsweisen ergründen, um adäquate Lösungen erbringen zu können.

Catalina Dumitru: Mein Hauptziel ist es, Design zu schaffen, das nicht nur ästhetisch befriedigend ist, sondern auch zum Nachdenken anregt. Hiervon angetrieben möchte ich mein Studium noch weiter fortführen: Ich plane, mich für einen Masterstudiengang im Ausland zu bewerben und vielleicht auch zu promovieren. Außerdem möchte ich meinen praktischen Sinn durch ein Praktikum entwickeln. All dies sind nur einzelne Schritte, von denen ich hoffe, dass sie eines Tages dazu führen werden, Innenarchitektur in einer komplexeren und sensibleren Weise zu praktizieren.

Wie seid ihr auf das Interior Scholarship aufmerksam geworden?

Lauritz Bohne: Meine Freundin abonniert die Fachzeitschrift AIT und erhält den Newsletter, der das Scholarship bewirbt. Sie hat mich schlussendlich darauf hingewiesen.

Catalina Dumitru: Ich erfuhr durch ein Plakat an meiner Universität vom Interior Scholarship.

Was hat euch motiviert, euch für das Stipendium zu bewerben?

Catalina Dumitru: Die finanzielle Unterstützung war ein wichtiger Faktor, denn ein Innenarchitekturstudium kann teuer sein. Aber die Aussicht, die Menschen, die Juroren und die anderen Stipendiaten zu treffen, war für mich wirklich wichtig. Ich schaute mir die Portfolios der Stipendiaten der vergangenen Jahre an und las die Kommentare der Juroren, und ich wusste, dass ich die Chance haben wollte, solche Leute zu treffen und von ihnen zu lernen. Es ist ein einzigartiges Forum für die Interaktion mit Spezialisten, die mit Interessen arbeiten, die meinen sehr nahe stehen.

Marie Jõgi: Ich war motiviert, weil mich das Thema der Stegreifaufgabe inspiriert hat. Ich interessiere mich schon seit vielen Jahren für Gemeinschaften und es war eines meiner Studienthemen in meiner Freizeit. Ich war auch deshalb motiviert, weil ich denke, dass das Stipendium eine großartige Gelegenheit ist, etwas mehr finanzielle Freiheit zu haben und sich nicht so sehr um Geld zu sorgen.

Wofür nutzt ihr primär das Stipendium?

Lauritz Bohne: Ich bin gerade auf Wohnungssuche in Rotterdam, Delft oder Den Haag. Das Stipendium wird mir sicherlich dabei helfen ein dem Studium adäquates Zimmer zu mieten. Durch Covid-19 werden die Besuchszeiten an den Universitäten eingeschränkt sein. In meiner Arbeit brauche ich viel Platz zum Werken. Im Endeffekt bedeutet das Stipendium aber vor allem Zeit, die ich nicht fürs Arbeiten aufbringen muss.

Eff Libilbéhéty: Das Stipendium wird zur Deckung der finanziellen Kosten für die Vergrößerung von Projekten (vom Modellbau bis zu Strukturen im Maßstab 1:1) und als extrinsische Motivation zur Weiterentwicklung der Projekte verwendet.

Welche Möglichkeiten eröffnet euch das Stipendium?

Catalina Dumitru: Es wird eine großartige Chance sein, talentierte Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen kennen zu lernen. Als Studentin macht es mir wirklich Spaß, zu erfahren, wie Innenarchitektur in verschiedenen Institutionen auf unterschiedliche Weise gelehrt wird. Es wird großartig sein, Feedback von Menschen zu erhalten, deren Sichtweisen mir weniger vertraut sind: Das würde ich in dieser Phase meiner Karriere sehr zu schätzen wissen.

Eff Libilbéhéty: Die durch das Stipendium ermöglichte Sichtbarkeit kann Kollektive oder Organismen davon überzeugen, mit mir bei der Entwicklung der Projekte im wirklichen Leben zusammenzuarbeiten, weil es mehr Legitimität bietet.

Was könnte man am Stipendium insgesamt noch verbessern, so dass es Studenten optimal fördert?

Catalina Dumitru: Mir gefiel die Möglichkeit, an diesem Stipendium teilnehmen zu können. Ich bin mir nicht sicher, ob ich noch irgendwelche Ratschläge zur Verbesserung hinzufügen kann. Alle Informationen waren klar dargestellt und leicht zugänglich. Ich bin sehr zufrieden, zu den Gewinnern dieses Jahres zu gehören.

Wie geht es bei euch in der nächsten Zeit weiter?

Catalina Dumitru: Wegen der Pandemie habe ich einige Planänderungen vornehmen müssen. Workshops wurden abgesagt, Praktika nicht mehr angeboten und so weiter. Im Moment versuche ich, das Beste aus dem Fernstudium zu machen und Inspiration für mein Dissertationsprojekt zu finden. Ich bin zwar eingeschränkter, habe aber im Austausch viel Zeit gewonnen.

Eff Libilbéhéty: Ich konzentriere mich auf meine Abschlussarbeit mit dem Thema „Ich gehöre hierher, du gehörst zu mir, das sind meine Sachen“. Ich interessiere mich für die Idee von Eigentum und Selbstbesitz im 21. Jahrhundert und das Finden der inneren Ruhe, um den eigenen Instinkt zu erreichen.

Wofür möchtest du das Stipendium nutzen?

Catalina Dumitru: Mehr als alles andere wünsche ich mir einen Mentor, einen Fachmann, an den ich mich wenden kann, um mich in Fragen der Karriere und der Architektur beraten lassen zu können. Ansonsten werde ich viele Bücher, Lernressourcen und Materialien kaufen, die mir helfen, neue Ausdrucksformen für mich zu entdecken.

Eff Libilbéhéty: Das Stipendium bietet mir ein finanzielles Privileg. Ich kann mich jetzt zu 100 Prozent auf meine Arbeit und Forschung konzentrieren und muss nicht, wie in den vergangenen Jahren, Vollzeit arbeiten. Es ist eine geistige und körperliche Erleichterung, und es macht mich glücklich, in meine Arbeit eintauchen zu können.

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