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Upcoming Architects facing new Conditions – Interview mit Johanna Meyer-Grohbrügge, Büro Meyer-Grohbrügge

Upcoming Architects nehmen Stellung, wie sie den Herausforderungen des globalen Wandels begegnen und wie sie ihre Position als Ideengeber, Neuschöpfer und Qualitätssetzer behaupten. Lesen Sie dazu hier das Gespräch mit Prof. Dipl.-Ing. Johanna Meyer-Grohbrügge, Büro Meyer-Grohbrügge.

Aus meiner Sicht, gibt es dementsprechend nur zwei mögliche Wege zu bauen: Entweder man schafft Bauwerke, die hochwertig sind und wirklich lange halten oder man baut so, dass das Material relativ schnell und unkompliziert wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden kann und kalkuliert damit von vornherein eine gewisse Flexibilität in der Bebauungsplanung mit ein.“ Johanna Meyer-Grohbrügge

GROHE: Sie waren von 2005 bis 2010 in Tokio für Sanaa tätig. Inwiefern hat Sie diese Erfahrung geprägt?
Prof. Dipl.-Ing. Johanna Meyer-Grohbrügge: Die Zeit in Japan hat mich sehr positiv geprägt, fast mehr als das Studium. Ich war zuvor an verschiedenen Universitäten, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Venedig und in Zürich. Meine Lehrer waren toll und trotzdem hat man vermittelt bekommen, Architektur ist eben so und so. Als ich dann nach Japan zu Sanaa kam, empfand ich es als sehr befreiend, mitzubekommen, dass es nicht nur die eine Art gibt, Architektur zu machen. Ich hatte das Glück, dass ich dort eine Arbeitsweise und Methodik gefunden habe, die mir entspricht und dafür bin ich sehr dankbar. Generelle, allgemein gültige Aussagen über die japanische Architektur kann ich aber nicht machen. Jedes Büro ist anders. Sanaa arbeitet sehr stark mit Optionen. Es werden viele Varianten für eine Aufgabe erarbeitet, die auf den Punkt gebracht werden müssen, um sie schnell und eindeutig in einem Meeting vorstellen zu können. Das schult die eigene Denkweise. Zunächst wird alles betrachtet und gar nicht viel gesagt – das hat mich immer ein bisschen irritiert. Die beste Option wird also nicht gleich bestimmt, sondern lange offengehalten. Es wird lange gesucht und geprüft, bis eine Richtung auf dem Tisch liegt, wo alle das Gefühl haben: Das ist interessant für den Ort und für das Programm. Finale Entscheidungen werden damit rausgezögert und auch weniger diskutiert und dem intuitiven Prozess wird mehr Raum gegeben. Das finde ich gut; denn oft werden durch Diskussionen Ideen verschüttet oder zerredet.

Was täte unserer Baukultur gut, von der modernen japanischen Architektur zu übernehmen?
Das intensive Suchen nach der besten Lösung. Bei uns werden bestimmte Ideen schnell verworfen, weil man überzeugt ist, dass sie nicht möglich sind. Viele Dinge sind bei uns ja der Art normiert und standardisiert, dass es wirklich schwer ist, diese aufzubrechen.
Viele Standards fußen auf Kriterien, die heute einfach nicht mehr so relevant sind. Flexibilität wird uns durch unseren schweren Bürokratie-Apparat damit oftmals genommen. Die drei Themen, die wir derzeit grundsätzlich angehen müssen, sind: das nachhaltige Erreichen unserer Klimaziele, das Beheben sozialer Ungerechtigkeiten und das Voranbringen der Digitalisierung.

Ist eine Haltungsänderung dazu bei Ihren Bauherren festzustellen?
Ja, die Bauherr*innen, mit denen ich arbeite, sind diese Themen bewusst. Manchen ist es ein persönliches Anliegen, anderen, wie Investoren, ist zumindest klar, dass Nachhaltigkeit heute zum Verkaufsportfolio gehört. Wenn ich allerdings mitbekomme, was gerade so gebaut wird, dann denke ich oft: „Das kann doch nicht wahr sein!“ Also, auf der einen Seite kann ich eine Haltungsänderung wahrnehmen, auf der anderen Seite bin ich mir nicht sicher, wie weit Nachhaltigkeit und Co. bei der Masse angekommen sind. Ich denke, der Wandel kommt nicht über Nacht. Es braucht viele kleine Schritte bis das Bewusstsein einer Gesellschaft sich wirklich verändert. Und wenngleich die Entwicklung manchmal zäh ist, ist eine Tendenz in die richtige Richtung zu spüren – Gott sei Dank. Ich glaube, es ist alles am Werden – man muss einfach gemeinsam puschen, um weiterzukommen. Auch das ist eine Frage des Bewusstseins: Wir können die Dinge nur gemeinsam schaffen.

Was können wir in Bezug auf die Bauweise von den Japanern lernen?
Die Gebäude sind in Japan viel kurzlebiger angelegt – dort herrscht eine ganz andere Denkweise. Hier bauen wir ja immer für die Ewigkeit oder zumindest für hundert Jahre. In Japan wird dagegen eine ständige Erneuerung zugelassen. Das eröffnet fortlaufend die Chance neu und anders zu bauen. Aus meiner Sicht gibt es dementsprechend nur zwei mögliche Wege zu bauen: Entweder man schafft Bauwerke, die hochwertig sind und wirklich lange halten oder man baut so, dass das Material relativ schnell und unkompliziert wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden kann und kalkuliert damit von vornherein eine gewisse Flexibilität in der Bebauungsplanung mit ein. Ich glaube, diese Denkweise kennen wir in Europa in dem Maße gar nicht.

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Über Johanna Meyer-Grohbrügge
Johanna Meyer-Grohbrügge ist Architektin und Hochschullehrerin in Berlin. Nach Ihrem Diplom an der ETH Zürich arbeitete sie 5 Jahre bei SANAA in Tokyo. 2010 gründete sie mit Sam Chermayeff das Büro June 14 Meyer-Grohbrügge & Chermayeff und 2015 das Büro Meyer-Grohbrügge. Sie unterrichtete unter anderem an der Columbia GSAAP, der Northeastern University Boston-Berlin, der FH Münster und leitete das Berlin Programm der Washington University St. Louis. Ab Herbst 2021 wird sie den Lehrstuhl Raumgestaltung an der TU Darmstadt übernehmen.
www.meyer-grohbruegge.com

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