Blog Architektur-Barometer 30mal10

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Magnus Nickl (Nickl & Partner Architekten)

Corona lenkt den Blick wie ein Scheinwerfer auf die Misere unseres Gesundheitswesens. Kliniken sind der freien Marktwirtschaft und einem enormen Kostendruck ausgesetzt. Das führte zur Ausdünnung der Personaldecke. Das Deutsche Krankenhausinstitut berechnete kürzlich, dass allein in Deutschland 17.000 Pflegekräfte, auch auf Intensivstationen, fehlen. Haben wir zu fahrlässig geplant?

Ich glaube nicht, dass wir zu fahrlässig geplant haben, wir haben nicht schnell genug reagiert. Wobei man aber gleich zu Anfang sagen muss: Im Vergleich zu vielen Nachbarländern stehen Deutschland und die Schweiz sehr gut da. Das zeigt, dass das Gesundheitswesen, über das wir gerne schimpfen, eigentlich sehr gut aufgestellt ist.

Es gibt zukünftig die Tendenz zu Hochleistungszentren, universitäre Einrichtungen und hochspezialisierten Kliniken, in Kombination mit einem Netz von Grundversorgern. Diese Grundversorger sind in Zukunft nicht mehr das Hundertfünfzig- bis Dreihundert-Betten-Krankenhaus, weil es wirtschaftlich nicht funktioniert. Die Tendenz zu „Same Day Surgery“ bedeutet kürzere Krankenhausaufenthalte und darauf müssen wir reagieren. Also die Schaffung kleinerer, modularerer, mit Telemedizin ausgestatteter Einheiten, die sich aber sehr schnell erweitern lassen. Optimal wäre es, wenn Spitzenkräfte großer Zentren auch in kleineren Zentren behandeln könnten.

Wir propagieren das Einbettzimmer, weil es in Krisensituationen wie der derzeitigen viel besser isoliert und man die Patienten viel besser behandeln kann. Man muss bei der Krankenhausplanung auch bedenken: Indem wir den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit einem gut durchdachten Krankenhausbau mit Tageslicht, klarer Orientierung und kurzen Wegen beste Arbeitsbedingungen schaffen, hoffen wir, dass wir auch mehr Leute für diesen Beruf der Pflegefachkraft begeistern können. Denn sie halten sich den Großteil ihres Tages in diesen Gebäuden auf.

 

Für einige Gesundheitsökonomen gibt zu viele Krankenhäuser in Deutschland und sie plädieren für die Schließung kleinerer Einheiten. Andere wie die Deutsche Krankenhausgesellschaft hingegen halten es für einen Fehler, im Gesundheitswesen so einzugreifen und meinen, die Überkapazitäten sind gerade die Lebensversicherung für viele Menschen und das gesamte Gesundheitswesen. In einer Leistungskonzentration verberge sich die Gefahr, dass auch diese Großkliniken von der Infektionsproblematik betroffen sein können, was fatal wäre.

Wir plädieren grundsätzlich nicht für Krankenhausschließungen, wir sagen nur, dass die aktuellen Strukturen mit teils Hundertfünfzig- bis Zweihundert-Betten-Häusern im ländlichen Raum nicht mehr ausgelastet sind und auch nicht über die Ärzteschaft verfügen, die für einen speziellen Eingriff notwendig wäre. Die Fehlerrate nimmt bei fehlender Praxis statistisch nachgewiesen zu. 

Wir plädieren dafür, nicht mehr funktionstüchtige Einheiten aus den sechziger, siebziger oder achtziger Jahren durch bessere, neue, kleinere und mehr auf die Medizin des 21. Jahrhunderts angepasste Einheiten zu ersetzen, die auch gleichzeitig schnell zu erweitern sind. Die Medizin des 21. Jahrhunderts bedeutet auch sehr viel Telemedizin, das heißt, der Arzt muss nicht immer vor Ort sein. Wir müssen abkehren von Individuallösungen, die einfach nicht mehr zeitgemäß sind. Die Corona-Krise beschleunigt mit den aus ihr gewonnenen Erfahrungen künftige Krankenhausstrukturen, denn unsere bestehenden sind auf solche Pandemiesituationen nicht ausgelegt.

Das Problem ist natürlich auch: Wie schafft man es, den Normalbetrieb eines Krankenhauses aufrecht zu erhalten und gleichzeitig einen großen Bereich für hoch infektiöse Patienten zu haben? Die Frage, die sich stellt: Sind wirklich alle Notaufnahmen zwischen infektiös und nicht-infektiös getrennt, gibt es separate Bereiche? Die Antwort lautet meistens nein.

Die vorherrschende Zimmerstruktur ist die Zweibettzimmerstruktur. Wir haben also kaum getrennte Infrastrukturen in den bestehenden Krankenhäusern. Deshalb benötigen wir andere Krankenhäuser und auch Rahmenprogramme, die modular und an klaren Systemen basiert sind. Wir können nicht für jedes Krankenhausprojekt ein komplett Neues entwickeln. Das ist nicht mehr zeitgemäß, da muss ein Raster dahinter gelegt werden, da müssen wirklich auf möglichst breiter Basis einheitliche Standards geschaffen werden, so dass wir auch beim Bau viel stärker auf die Methodik der Vorfabrikation zurückgreifen können, um neue Einheiten deutlich schneller errichten zu können, nicht mehr erst nach einer zehnjährigen Diskussion.

Uns geht es darum, langfristig gute Strukturen für die Versorgung unserer Mitmenschen zu schaffen.

 

Glauben Sie, dass die Krise dem Architekten die Chance bietet, sein Berufsbild neu zu positionieren? Denn jetzt ist Kreativität mit neuen Ideen gefragt und der kreative Kopf in den Prozessen ist immer noch der Architekt.

Ja, ich sehe die Krise als große Chance, weil wir als Architektinnen und Architekten wieder zeigen können, dass wir relevant sind, denn diese Relevanz ist uns bei den Investoren oftmals abhandengekommen. Jetzt können wir zeigen, dass wir Lösungen haben. Sowohl für Mikro-Wohnungen, die so, wie sie aktuell von den Investoren gebaut werden, nicht lebenswert sind, wenn wir darin sechs, acht, zehn Wochen eingesperrt werden. 

Wir können zeigen, dass wir einen öffentlichen Raum schaffen können, in dem wir trotz dieser Krisenzeiten zusammenleben können. Wir können auch zeigen, dass wir kreative, neue Lösungen für Arbeitsplätze schaffen können. Wir können Lösungen für Home-Office-Konstruktionen schaffen. 

Aber ich glaube auch, dass die Integration der Gesellschaft und das wieder Zusammenkommen sehr wichtig ist, und das muss architektonisch begleitet werden. Und das ist unsere gesellschaftliche Aufgabe als Architekten, hier wieder eine aktivere Rolle zu spielen und uns nicht hinter ökonomischen Bedingungen zu verstecken. Ich würde mich sehr freuen, wenn unsere Interessensvertreter nicht nur jammern, sondern auch Konzepte für die Zukunft bereitstellen.

 

Lesen Sie das vollständige Interview mit Magnus Nickl auf der Seite des Architekturbarometer 30mal10 – Grohe Digital Talks.

 

Über Magnus Nickl

2014 schloss er sein Architekturstudium an der ETH Zürich (CH) ab. Während seiner Zeit an der Universität arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Geschichte des Städtebaus. Während eines dreijährigen Forschungsaufenthalts in Singapur führte Magnus Nickl städtische Entwicklungsprojekte in Singapur, Malaysia und Indonesien durch. Derzeit beendet er seine Promotion, die sich mit Urbanisierungsprozessen in Singapur und Indonesien beschäftigt. Für Nickl & Partner Architekten unterstützte Magnus Nickl den Aufbau des Büros in Zürich und beaufsichtigt derzeit die Durchführung zweier Großprojekte in der Schweiz: den Neubau des Forschungs- und Laborgebäudes D-BSSE Basel und den Neubau des Kantonsspitals Baden. Magnus Nickl betreut außerdem das Büro in Jakarta, Indonesien. 2019 trat er als Vorstand bei Nickl & Partner Architekten ein. (www.nickl-partner.com)

Alle Blog-Einträge von Grohe

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Jurek M. Slapa (SOP Architekten)

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September 2020
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slapa oberholz pszczulny | sop architekten entwickelt Bauwerke in den Bereichen Büro-, Gewerbe-, Hotel-, Industrie- und Wohnungsbau sowie Flughäfen, Sportstätten und Einrichtungen für Lehre und Forschung. Das international tätige Büro steht für eine klare, zeitlose Architektursprache. In unserem Interview spricht Jurek M. Slapa unter anderem über den Wertewandel in der Gesellschaft und die Auswirkungen auf die Architektur, die möglichen Veränderungen verschiedener Bautypologien und die Anforderungen an das Büro der Zukunft.

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Gert Lorber (Lorber Paul Architekten)

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September 2020
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Das Büro Lorber Paul Architekten plant und realisiert vornehmlich Projekte im Bildungs-, Gewerbe- und Wohnungsbau sowie im städtebaulichen Bereich. Dabei prägen Bauaufgaben unterschiedlicher Größen für öffentliche und private Auftraggeber die Erfahrungen und Abläufe des Büros. 2020 erhielt das Büro den deutschen Bauherrenpreis für die Wohnbebauung in der Holsteinstraße in Köln. In unserem Interview spricht Gert Lorber über die Diskrepanz zwischen aktuellem Wohnungsmarkt und der sich verändernden Gesellschaft, über Umnutzung von Immobilien und sich vorhandene Trends in der Baubranche.

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Michaela Hauser (ATP architekten ingenieure)

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August 2020
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Das Besondere an ATP architekten ingenieure ist die integrale, BIM-basierte Planungsweise in einer europaweit vernetzten Unternehmensstruktur. Am Standort München steht vor allem die Integrale Planung von Immobilien für den Industriebau und die Forschung sowie für die Bereiche Büro, Tourismus, Handel und Wohnen im Fokus. In unserem Interview spricht Michaela Hauser über Chancen der Baukultur, Sanierung und Revitalisierung von Leerständen sowie die Veränderungen in der Hotelbranche.

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Matthias Pfeifer (RKW Architektur+)

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August 2020
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RKW Architektur+ rücken den Menschen in den Fokus, was sich nicht nur an den über 400 Architekten, Innenarchitekten, Bauingenieuren, Fachplanern und Controllern zeigt, die Generationen, Nationalitäten und Begabungen verbinden, sondern auch an ihren Projekten. Sie verstehen sich als innovative Gestalter und suchen nach neuen Antworten auf immer wiederkehrende Fragen. In unserem Interview spricht Matthias Pfeifer über die Auswirkungen und Chancen der Pandemie, über das Motto „Office is where you want“ und dem Wunsch nach gemischten Nutzungskonzepten.

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Prof. Eckhard Gerber (Gerber Architekten)

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August 2020
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Mit über 50 Jahren Expertise verfügt Gerber Architekten über langjährige Erfahrung und Kompetenz bei allen Themen des Bauens – von Büro- und Hochhausbauten über Gebäuden für Wissenschaft und Lehre, Kunst und Kultur sowie Labor- und Forschungsbauten bis hin zu Wohnungs- und Verkehrsbauten. Prof. Eckhard Gerber blickt in unserem Interview auf die Auswirkung der Krise auf die verschiedenen Bautypologien wie Wohnen, Büros und Kulturbauten und betrachtet die Auswirkungen des gesellschaftlichen Wertewandels auf die Architektur.

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Ruprecht Melder (Chapman Taylor)

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Juli 2020
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Seit 25 Jahren ist Ruprecht Melder für das internationale Architekturbüro Chapman Taylor tätig und hat seither nicht nur zahlreiche Entwurfskonzepte für innerstädtische Entwicklungen und Architekturwettbewerbe erarbeitet, sondern auch den Prozess der heutigen Diversifizierung des Büros maßgebend vorangetrieben. Ob der Architekt durch die Krise die Chance hat, sein Berufsbild neu zu positionieren, wie er die Entwicklungen nach der Pandemie einschätzt und wie für ihn das Büro der Zukunft aussieht, darüber spricht Melder in unserem Interview.

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Stefan Behnisch (Behnisch Architekten)

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Juli 2020
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Stefan Behnisch gründete sein Büro 1989 und hat mittlerweile nicht nur weitere Standorte in Los Angeles, Boston und München, sondern kann vor allem auf zahlreiche wegweisende Projekte im Beriech des nachhaltigen Bauens in Europa und den USA zurückblicken. Er findet, dass der Wohnungsbau längst hätte neu gedacht werden müssen und die Krise eine Chance bietet, Architektur in vielen Bereichen neu zu betrachten. Im Interview spricht er darüber, wie es ihm und seinen Kollegen in den letzten Monaten erging und ob wir zukünftig Bautypologien überdenken oder das Berufsbild des Architekten neu positionieren müssen. Auch die Frage nach flexiblen Wohnungsgrundrissen, der Verdichtung der Stadt und Smartcity werden aufgegriffen.

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Gerhard G. Feldmeyer (HPP Architekten)

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Juli 2020
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Gerhard G. Feldmeyer von HPP Architekten ist sich sicher: „Die Corona-Krise verleiht dem schon längst begonnenen Strukturwandel eine unvorstellbare Dynamik, die alle gesellschaftlichen Bereiche erfasst […]. Als Architekten stehen wir mitten im Geschehen, da wir uns mit einer Vielzahl von gesellschaftlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Themen Tag für Tag auseinandersetzen. […] Die vieldiskutierte Flexibilisierung des Arbeitens hat jetzt in weniger als zwei Monaten den Sprung aus der Nische in die Wirklichkeit geschafft. Für uns als Architekten bedeutet das, dass wir uns mit neuen Konzepten für zukunftsfähige Arbeitswelten auseinandersetzen. Wir befinden uns in einer sehr spannenden Zeit und können Zukunft aktiv mitgestalten!“ Welche Chancen und Veränderungen Gerhard G. Feldmeyer genau in der aktuellen Situation sieht und wie sich die Bürowelt verändert, erzählt er im Interview.

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Corinna Kretschmar-Joehnk und Peter Joehnk (JOI-Design)

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Juli 2020
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Corinna Kretschmar-Joehnk und Peter Joehnk leiten gemeinsam das Büro JOI-Design in Hamburg, das als eines der führenden europäischen Innenarchitektur- und Designstudios durch eine mehr als 35-jährige Erfahrung im Hospitality Design sowie über 500 realisierte Hotelprojekte weltweit überzeugt. Wie sie die Auswirkungen der Pandemie und die sich daraus ergebenden Chancen sowie die Veränderungen in der Baukultur im Bereich der Hotellerie erleben – persönlich, aber vor allem auch beruflich – verraten sie im Interview.

Architekturbarometer 30mal10 – GROHE Digital Talks

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Juli 2020
Blogger Grohe

Die in 2020 ausgebrochene Pandemie wirkt wie ein Beschleuniger längst angelaufener Trends. Welche Konsequenzen hat sie für die Bau- und Immobilienbranche und im Speziellen für die Architektenschaft? Im Architektur-Barometer 30mal10 – GROHE Digital Talks nehmen 30 Persönlichkeiten aus Architektur und Immobilienwirtschaft Stellung zu jeweils 10 Fragen. Im Zentrum der Interviews steht die Einschätzung der Auswirkungen der Pandemie auf unsere Baukultur, unsere Städte und konkret auf Bautypologien wie Wohnungs- und Bürobau, Hotellerie, Krankenhäuser und Pflegeheime, öffentliche Gebäude und Bildungsbauten. Lesen Sie in hier von Woche zu Woche, wie renommierte Architekten die Gegenwart und Zukunft unserer Baubranche einschätzen.