Blog Architektur-Barometer 30mal10

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Sebastian Händel und Marcus Caspar Junghans (Händel Junghans Architekten)

Wir sprechen in Deutschland nach wie vor von einer Wohnungsnot. Was bräuchte die Bauwirtschaft, um dauerhaft zusätzliche Kapazitäten aufzubauen?

Die Bauwirtschaft hat Personalprobleme, den berühmten Fachkräftemangel, der ja nicht nur uns betrifft, sondern auch den ganzen Rest der Branche. Das führt natürlich immer zu Verzögerungen. Ein weiterer wünschenswerter Aspekt wären die Erleichterungen in den Genehmigungsprozessen und ein ausgeprägterer Wille der Verwaltungen, Dinge zu ermöglichen. Wenn keiner will, wird auch nicht gebaut. Da muss man auch die Verwaltungen in die Pflicht nehmen. Eigentlich ist es keine Krise der Quantität, sondern der Qualität. Es wird ja viel gebaut, aber wenn man sich anschaut, wo sich die durchschnittliche Wohnungsanzahl oder die Wohnungsgröße pro Person bewegt, dann ist zu beobachten, dass sie seit dem Krieg ständig ansteigt. Da muss man gegensteuern. Das ist aber nicht nur eine Frage von guter Architektur, sondern eine Frage nach der besseren Verteilung des Wohnraums.

Oft wird der Ruf laut, es müssen mehr Genossenschaften und weniger Eigentümer bauen, weil die Genossenschaften ihren Wohnraum flexibler verteilen könnten. Eine Familie, die vierköpfig in eine Vierzimmerwohnung zieht, ist nach zwanzig Jahren nur noch zweiköpfig und kann ggf. die Wohnung tauschen. Im normalen Mietverhältnis wäre die Familie aber nicht bestrebt, umzuziehen, da die Miete in einer kleineren Wohnung gleich oder höher ist. Hier sollten dringend über Förderungen oder steuerliche Vorteile vom Gesetzgeber neue Anreize geschafft werden, ohne zu sehr in die persönliche Freiheit des Einzelnen einzugreifen.

Wir haben Fläche im Wohnungsmarkt, wir müssen sie nur umverteilen. Eine Umverteilung tut natürlich weh, und ist auch von Teilen nicht gewollt. Aber wenn man das Problem der Qualitätskrise angehen will, muss man diese Umverteilung angehen. Ein Lösungsansatz wie der Mietendeckel verschärft diese Problematik nur, weil er solche Mietverhältnisse zementiert. Außerdem werden Investitionen blockiert. Ein fataler Kreislauf, ein absoluter Blocker!


Wann hat man aufgehört, im Wohnungsbau zu experimentieren? War es in der Postmoderne, in der man feststellte, dass man mit Wohnen viel Geld machen kann?

Wir befinden uns mit unserem Büro in München in einem ehemaligen Wohnungsbau, der nicht als experimenteller, sondern eher als repräsentativer, wohlüberlegter und guter Wohnungsbau zu bezeichnen war und bis heute ist. Es benötigt im Wohnungsbau keine Experimente, man muss es nur gut machen.

Was wir derzeit – bis auf wenige Ausnahmen – immer abgefragt bekommen, ist der kleinste gemeinsame Nenner, und das ist meist reproduzierbar und kapriziert sich darauf, möglichst viel Wohnfläche auf den Bauraum zu schaffen, der durch irgendjemanden begrenzt wurde. Das Ergebnis sieht dann entsprechend aus. Diese Art von Vorgaben erübrigen Experimente.

Wenn man etwas Neues entwickeln möchte, müsste man viele Regelungen über Bord schmeißen. Der Investor beabsichtigt aber einen flächeneffizienten Grundriss, zum Beispiel: Das Treppenhaus muss so klein wie nur möglich sein, da es die vermietbare Fläche reduziert. Dadurch regelt sich die Erschließung. Man unterliegt insgesamt so vielen Zwängen, von denen man sich verabschieden und stattdessen neu denken müsste. Unter Beibehaltung der immer die Wirtschaftlichkeit im Fokus habenden alten Regeln ist es schwierig, neu zu denken, gerade im durchschnittlichen Wohnungsbau. Letztendlich ist es eine Haltung zum Wohnungsbau, wenn wir in anständigen Wohnungen leben wollen, dann sollten sie nicht unanständig billig gebaut werden. Solange gesagt wird, ihr könnt gerne rumexperimentieren, aber kosten darf es nichts und ausgenutzt werden muss es optimal, müssen wir uns keine Gedanken zu Experimenten machen. Wenn dann noch von Seiten der Genehmigung die Flächen nicht vorhanden sind und keine Bereitschaft, das Haus einfach ein wenig höher oder breiter zu bauen, wenn also die Rahmenbedingungen unglücklich sind, wird am Ende kein glückliches Haus daraus..


Wohnungsnot ist kein neues Thema, sie gab es schon in der Vergangenheit. Was können wir aus der Vergangenheit für die Stadtentwicklung der Zukunft lernen?

Wir hatten in den fünfziger Jahren eine ähnliche Krise des Wohnungsbaus, in denen ganz schnell viele Wohnungen gebaut wurden. Wenn wir heute bei diesen Wohnungen anbauen, aufbauen oder umbauen müssen, endet es meistens darin, dass wir sie abreißen müssen. Die vor hundert Jahren gebauten Wohnungen können wir hingegen aufstocken oder umnutzen.

Wenn wir also aus der Geschichte lernen wollen, dann sollten wir nicht billigen und schnellen Wohnraum, sondern guten, zeitlosen und großzügigen Wohnraum bauen, mit vielleicht drei Quadratmetern mehr für ein zusätzliches kleines Zimmer, das man gegebenenfalls als Homeoffice nutzen kann. In Bezug auf die Stadtentwicklung sollte man nicht denken, dass die Dichte das Problem ist. Dicht darf es sein, aber in Kombination mit großzügigeren Wohnungen. Gerade wenn sich so viele Menschen in der Stadt auf einem Fleck befinden, benötigen wir mehr Raum in den Wohnungen. Die entstehende Dichte ist dann kein Problem.

Lesen Sie das vollständige Interview mit Marcus Caspar Junghans und Sebastian Händel auf der Seite des Architekturbarometer 30mal10 – Grohe Digital Talks.

 

Über Sebastian Händel und Marcus Caspar Junghans

Sebastian Händel studierte an der Bauhaus Universität in Weimar und absolvierte sein Auslandsstipendium an der Virginia Tech, Washington D.C. Nach seinem Diplom 1999 war er im Architekturbüro bei Prof. Otto Steidle (Steidle + Partner) tätig. Seit 2005 war er Mitinhaber des Architekturbüros Dycka Händel, bevor er 2008 dort ausstieg und zusammen mit Marcus Caspar Junghans das heute unter Händel Junghans Architekten bekannte Büro gründete.

Marcus Caspar Junghans bsolvierte sein Architekturstudium an der Bauhaus Universität in Weimar, sowie der Technischen Universität in Wien. Für seine Diplomarbeit an der Bauhaus Universität wurde er 2005 mit dem Diplompreis durch die Stiftung Baukultur ausgezeichnet. Nach seinem Studium sammelte Marcus Junghans im renommierten Münchner Büro Steidle Architekten seine Erfahrungen, bevor er 2008 das gemeinsame Büro mit Sebastian Händel gründete. Mitte 2019 wurde er für drei Jahre als Mitglied in den Baukunstbeirat der Stadt Augsburg berufen. Zudem ist er für die Amtsperiode 2020 bis 2025 als ehrenamtlicher Richter tätig.

(www.haendel-junghans.de)

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