Blog AIT-ArchitekturSalon

Frank Barkow: The liminale Façade

 

Frank Barkow: The Liminal Façade

 

Die Fassade eines Gebäudes, jener Bereich, der zwischen einem architektonischen „Innen“ und „Außen“ unterscheidet, ist zunehmend zu einem eigenständigen architektonischen Feld geworden. Frei von Flächenverhältnissen oder Effizienzmaximen: Eine Fassade, oder Gebäudehülle, definiert und begrenzt die Form eines Gebäudes, sein Erscheinungsbild (oder Aussehen) und zunehmend auch die Leistungsfähigkeit eines Gebäudes (Sonnenschutz, Heizung und Kühlung, Transparenz oder Opazität, Energieerzeugung usw.). Dies ist sowohl zu einem technologischen als auch zu einem ästhetischen Auftrag geworden. Fassaden erzeugen Oberfläche. Oberflächen-„Effekt“ bedeutet, wie Fassaden optisch als maßgebend für das Erscheinungsbild eines Gebäudes angesehen werden, aber vor allem auch, was eine Fassade leistet bzw. was sie leisten kann. Umgekehrt ist eine Fassade eine begrenzende Barriere für das Innere eines Gebäudes und bestimmt, wie wir aus einem Gebäude heraus sehen, was wir sehen und wie Licht gefiltert oder abgeschattet wird. In Zeiten der Quarantäne und des „Stay Home“ finden wir uns buchstäblich in unseren gläsernen Fensterwänden und begrünten Balkonen oder Loggien wieder, wohnen oder arbeiten in diesem Grenzbereich zwischen Innen- und Außenwelt.

Die Fassade wird zu einem „Ort“ im Gebäude

Die tiefe Fassade ist eine Idee, die die Vorliebe der Moderne für die Vorhangfassade aus Glas, d.h. die Reduzierung einer Gebäudehülle auf eine einzige, von den tragenden Säulen unabhängige Glasschicht, ablehnt. Während beim 1917 fertiggestellten Hallidie Building in San Francisco erstmals eine Glasvorhangfassade zum Einsatz kam, markierte das 1952 errichtete Lever House von Gordon Bunshaft in New York den Höhepunkt dieser Fassadentypologie. Hier wurde die Gebäudehülle auf das absolute Minimum reduziert. Es ist zudem der historische und technologische Höhepunkt einer Idee, die eine zeitgenössische Haltung gegenüber der liminalen Fassade als nicht mehr tragfähig ablehnen würde.

Strukturelle und räumliche Tiefe ist eine Vorliebe, bei der die Fassade eines Gebäudes zu einem „Ort“ in einem Gebäude wird, den es zu besetzen gilt, an dem man sich befindet. Gleichzeitig und angesichts der Grenzen der modernistischen Glasvorhangfassade kann eine tiefe Fassadenkonstruktion tragend sein, Energie mittels Photovoltaik erzeugen, Verschattung schaffen, Frischluftzufuhr ermöglichen und steuern, Energienutzung und -verbrauch kontrollieren, und sie kann transparent, transluzent oder opak sein. Fassaden können das Wesen der Innenräume offenbaren, die sie umhüllen, oder durch Abstraktion diesen Inhalt verschleiern oder verbergen und andere Maßstäbe und visuelle Leistungen im städtischen Maßstab erfassen. Andere Strategien, die ihrer Natur nach Tiefe haben, sind die Einbettung von Atrien oder Wintergärten in eine Fassade, die zusätzlich zwischen Außen und Innen vermitteln oder dem Grünbereich überlassen werden können, um der Fassadengestaltung zusätzliche Komplexität und Räumlichkeit zu verleihen.  Ein zweidimensionales Paradigma begünstigt nun ein dreidimensionales.

Inspiration durch künstlerische Arbeiten von arte povera oder ZERO

Es besteht auch ein anhaltendes Interesse an der visuellen Wirkung einer Fassade als städtisches Phänomen (dieser Beitrag bezieht sich auf Gebäude, bei denen es sich überwiegend um Hochhäuser für Büro- oder Wohnnutzung handelt). Wenn die Fassadenerstellung nun eine relative Autonomie von der Effizienz der Kerne und Bodenplatten genießt, dann kann sie auch einen städtebaulichen visuellen Effekt erzeugen. Ein frühes Interesse an der künstlerischen Produktion (arte povera oder ZERO) führte zu Künstlern wie Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker Werke, die Arbeiten mit überzeugender materieller Oberflächenwirkung hervorbrachten. Es war faszinierend, diese Werke als visuelles Schauspiel zu erleben. Die Martin-Gropius-Ausstellung ZERO im Jahr 2015 war sowohl eine Bestätigung für einige unserer Vorhaben als auch ein Anstoß für die Weiterführung unserer Arbeit. Beim Betrachten dieser Werke stellten wir fest, dass viele ihrer Projekte architektonischen Modellen ähnelten. Ein weiterer Favorit waren Isa Genskins trashige (Material-)Modelle für das Projekt „New Building for Berlin“ (2004). Uns wurde bewusst, dass wir das Potenzial hatten, diese Ideen tatsächlich im Architektur- und Gebäudemaßstab umzusetzen. Die Fassadenerstellung funktioniert für uns jetzt in drei Maßstäben: Erstens im städtischen Maßstab, zweitens im technologischen/leistungsspezifischen Maßstab und drittens, aus der Erfahrung des Innenraum-Maßstabs heraus.

Materiell tiefe Fassaden, die einen urbanen visuellen Effekt erzeugen

Die relative Unabhängigkeit zwischen diesen Bedingungen war für uns ziemlich spannend. Frühe Projekte wie das Trutec-Gebäude in Korea oder der Wettbewerb für das Bundesfamilienministerium in Berlin begannen, diesen Impuls umfassend aufzugreifen. Eine andere Generation von Hochhäusern, darunter Tour Total, Estrel, Bertha, die sich alle in Berlin befinden, begann, sich weiter mit materiell tiefen Fassaden zu beschäftigen, die alle einen urbanen visuellen Effekt erzeugen, der diese autonomen Aspekte der Fassadenerstellung in städtischen Kontexten betont, die im Hinblick auf Nachhaltigkeit überaus gut funktionieren. Ein Wohn-/Bürohochhaus für die Kurfürstenstraße erscheint wie eine steinerne Klippe. Bei neuen Projekten wie dem Büroturm für die Janowitzbrücke wurde das Problem der Glasvorhangfassade (wie oben erwähnt) gelöst, indem eine visuell komplexe, performative, transparente und transluzente Fassade mit eingebetteten Wintergärten geschaffen wurde – eine Erfindung, die die Probleme der modernistischen Glasvorhangfassade aus der Mitte des Jahrhunderts löst.

Diese Isolierung, Fokussierung, Entwicklung und Evolution einer „Gebäudekomponente“ bleibt und wird auch weiterhin eine Arbeitsweise für unsere Praxis sein. Konstruktion, Hülle und Raumbildung sind alles potenzielle Felder innerhalb des größeren Bereichs der Architektur. In Verbindung mit einem anhaltenden Interesse an der Materialität und den Instrumenten, die diese umsetzen, führt dies zu einer Reihe von feststehenden Prioritäten, die unendliche Möglichkeiten bieten und unser Büro weiterhin darauf ausrichten, sich weiterzuentwickeln und zu suchen.

 

 

 

 

Frank Barkow (*1957 in Kansas City, USA) gründete 1993 gemeinsam mit Regine Leibinger in Berlin das Archtitekturbüro Barkow Leibinger.

Die Bandbreite der Leistungen des Büros umfasst öffentliche Bauten, Bürogebäude sowie Innen ausbauten für Wohnen und Gewerbe im Bestand. 2007 wurde die Arbeit von Barkow Leibinger mit dem Marcus-Prize for Architecture ausgezeichnet. Das Betriebsrestaurant Ditzingen erhielt 2009 den DAM Preis für Architektur in Deutschland und 2010 den Honor Award for Architecture des American Institute of Architects. Das Smart Material House Hamburg, das prämierte Modellvorhaben für die IBA Hamburg, erhielt den Holcim Award Acknowledgement Prize 2011 Europe und 2012 einen Holcim Global Innovation Prize. 2014 wurde der Tour Total mit dem Architekturpreis Beton ausgezeichnet und 2016 erhielten sowohl der Trumpf Campus in Ditzingen als auch das HAWE-Werk in Kaufbeuren den erstmals ausgelobten „industriebaupreis“.

Mehr Informationen: www.barkowleibinger.com

 

Weitere Blog-Einträge von Frank Barkow

Leider konnten keine Ergebnisse gefunden werden!