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Ecolé Primaire Santiguyah – Bau einer Grundschule (2)

 

Die Grundschule Ecolé Primaire Santiguyah wurde vor kurzem in einem kleinen Dorf in Guinea eröffnet. Prof. Judith Reitz (Peter Behrens School of Arts, Hochschule Düsseldorf) stellt das Projekt vor, das Teil eines Design-Build-Programms ist.

Wir erleben, dass mit zunehmendem Bewusstsein für die Auswirkungen der wachsenden und sich ständig verändernden wirtschaftlichen, ökologischen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Polarisierung wächst weltweit der Wunsch der Studierenden nach einem neuen sozialen Paradigma, das auf nachhaltigeren Lebensstilen, Lebensqualität, sozialer Integration, Umweltbewusstsein und aktiver Beteiligung an Entscheidungsprozessen beruht.

Das gemeinsame „Design-Build-Programm“ der Hochschule Düsseldorf / Peter Behrens School of Arts und des Lehrstuhl für Gebäudelehre an der RWTH Aachen experimentiert mit innovativen Lernmethoden, die den praktischen Unterricht als Konzept in den meist meist theoretischen akademischen Lehrplan integrieren. Diese Methodik hat eine neue Studien- und Forschungstypologie entwickelt: Im Rahmen des akademischen Studiums lernen Bachelor- und Master-Studierende, ihre Ideen 1:1 umzusetzen und von der Theorie in die Praxis zu gelangen. Die beteiligten Studierenden absolvieren alle Planungs- und Realisierungsphasen eines Bauprojekts – von der ersten Skizze über die Detailplanung, 1:1-Mockups, Realisierung, Kosten- und Bauzeitüberwachung bis hin zur langfristigen Bauüberwachung. Die Zusammenarbeit verschiedener Hochschulen, Berufsschulen und Bildungs-/Kulturinstitutionen ist ein wesentlicher Programmbestandteil und unterstützt das unmittelbare Erleben des Grundkonzepts „Build together – Learn together“. Die Fragestellung und zugleich das Ziel ist die Erlangung interdisziplinärer Kompetenz, die über reines Faktenwissen hinaus vermittelt wird. Die Herausforderung des Programms fördert die Stärkung des eigenverantwortlichen Handelns und gemeinschaftlichen Respekt, es fördert die Experimentierfreudigkeit und Teamkompetenz und schließlich die Teilnahme an partizipativen gesellschaftlichen Prozessen.

Standort
Guinea ist eines der letzten Länder der Welt, welches touristisch und wirtschaftlich kaum entwickelt ist. Bis 1987 war das Land unter der Herrschaft von Sékou Touré völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Aufgrund der langanhaltenden Isolation ist die kulturelle Vielfalt heute sehr präsent, dennoch funktioniert der Alltag weitgehend ohne Strom und fließendes Wasser, es gibt kaum Supermärkte, keine organisierte Müllentsorgung, kaum funktionierenden Banken oder geregelte Gesundheitsversorgung. Etwa 70 Prozent der ländlichen Bevölkerung sind Analphabeten, und die Arbeitslosenquote ist ähnlich hoch. Die meisten Menschen in ländlichen Gebieten leben autark und bauen ihre eigenen Grundnahrungsmittel an. Sie haben fast keinen Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung.

Das Projekt befindet sich fernab der städtischen Zivilisation in der Region Faranah im Dorf Santiguyah. Das Dorf hat 300 Einwohner, die ein einfaches Leben in mundartlichen Lehmhütten führen, es gibt keinen Strom und Wasser kommt aus einem öffentlichen Brunnen. Das Schulprojekt wurde vom guineischen Bildungsministerium MEN-A und der deutschen staatlichen Entwicklungsbank KfW im Rahmen eines Programms mit dem Namen „Guinea II Grundbildungsprogramm“ ins Leben gerufen. Ziel des Programms ist es, einem größeren Teil der guineischen Bevölkerung einen angemessenen, sicheren und kontinuierlichen Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung zu ermöglichen.

Nach einer einjährigen Entwurfs- und Planungsphase begann im Januar 2019 verschiedene Bauphasen in der vorlesungsfreien Zeit der Studierenden. Rund 70 Studenten aus Deutschland und Guinea sowie junge Handwerker waren am Bauprozess beteiligt. Darüber hinaus wurde eine enge Zusammenarbeit mit der örtlichen Berufsschule „Centre de Formation Professionelle“ vereinbart, sowie mit der Handwerkskammer Münster. Junge Auszubildende begleiteten die Studierenden in den Bauphasen.

 

Entwurf
Der Entwurf sieht einen Campus mit zwei Unterrichtsgebäuden mit insgesamt sechs Klassenzimmern, zwei Latrinen mit Wasserstationen, einem Lehrerhaus sowie einem Fußballfeld und Wohnungen für die Lehrer vor. Etwa 300 Kinder aus acht Dörfern werden die neue Schule besuchen, sobald alle Gebäude fertiggestellt sind.

Vorerst konzentrierte man sich auf die Realisierung von drei Klassenzimmern, zwei Latrinen mit Wasserstationen, das Lehrerhaus, einen Schulgarten und den Fußballplatz. Aufgrund der in Guinea vorherrschenden tropischen Wetterbedingungen ist die natürliche Kühlung des Hauses für die Planung von großer Bedeutung. Daher wurde ein nachhaltiges, passives Belüftungssystem als Hauptkonstruktionsmerkmal entwickelt, das die Wechselwirkung von Sonneneinstrahlung und Verschattung nutzt. Die Häuser folgen einem leicht verständlichen Belüftungsprinzip: Die Fenster sind auf beiden Seiten des Klassenzimmers parallel angeordnet. Je nach Wärme- und Windverhältnissen werden mehrere und weniger Lamellen der Fenster geöffnet, so dass die unter dem oberen Dach angesammelte Warmluft durch den entstehenden Luftzug nach außen abgeführt wird. Die Gebäude wurden senkrecht zur Windrichtung ausgerichtet, sodass der Wind unter dem Doppeldach zirkulieren und die warme Luft verdrängen kann. Das lange, rechteckige Gebäude bietet neben den Klassenzimmern verschattete zusätzliche Außenräume für Unterricht, Freizeit und Kommunikation. Das untere Dach der Klassenräume besteht aus kleinen Ziegelgewölben, die auf einer Stahlträgerkonstruktion ruhen. Das obere Dach ist mit Wellblech verkleidet, das den direkten Sonneneinfall reflektiert.

Bei den Wänden handelt es sich selbstproduzierte stabile Erd-Zement-Blöcke, die ohne Mörtel verarbeitet werden. Die Trockentoiletten-Latrinen folgen einem landestypischen Zweikammer-Dehydrierungssystem. Die getrockneten Überreste können zur Düngung des Schulgartens oder der umliegenden Felder verwendet werden.

Credits

  • RWTH Aachen/ Lehrstuhl für Gebäudelehre, Bernadette Heiermann, Nina Gonzalez,
  • Peter Behrens School of Art/ HS Düsseldorf Social Impact Studio, Judith Reitz, Thomas Schaplik, Franz Klein-Wiele,
  • ISAU/ Institut Superieur d’Architecture et d’Urbanisme/ Dr. Sine Diakité, Mohamed Ben Kaba, Alkaly Traoré

Bauleitung: Sekou Bangoura, Kindia, Guinea
Tragwerksplanung: Prof. Dr. Arne Künstler/ imagine structure GmbH, Köln/ Frankfurt
KlimaEngineering: Markus Kraus, Transsolar KlimaEngineering GmbH, Stuttgart/ München
Bauherr: Bildungsministerium MEN-A
Finanzierung: Studien- und Fachkräftefonds V Guinea BMZ organisiert durch die  KFW
Unterstützung: Sto-Stiftung, Karl Bröcker Stiftung, Carl-Arthur-Pastor Stiftung, Engagement Global, und viele private Firmen + Sponsoren

 

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