Blog Architektur-Barometer 30mal10

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Olaf Kitzig (Kitzig Interior Design)

Auf Ihrer Webseite ist zu lesen, dass Ihre Entwürfe den Menschen und Ihren Anforderungen genügen sollen. Haben wir in der Architektur den Blick auf den Menschen und seine Bedürfnisse – zumindest zum Teil – verloren? Die Effizienz der Gebäude, ihre Zertifizierung und ihre Vermarktbarkeit scheinen oft im Vordergrund zu stehen. Eröffnet Corona jetzt die Möglichkeit, den Menschen wieder in das Zentrum der Überlegung zu stellen?

Gute Architektur sollte für den Menschen gemacht werden. Die neuen Anforderungen durch Social Distancing und durch Corona insgesamt werden einen großen Ruck durch die Welt der Gastronomie, Hotellerie und Büros geben. Auch das private Haus bzw. die private Wohnung wird sich verändern, weil der Mensch sich stärker mit seinem Wohnen auseinandergesetzt hat. Es hat eine Sensibilisierung des Umfeldes stattgefunden. Ich persönlich muss allerdings sagen, dass bis auf einige, vielleicht nicht so gelungene Beispiele, die Architektur und vor allen Dingen die Innenarchitektur in den letzten Jahren wesentlich stärker auf den einzelnen Menschen und auf die Gruppen der Benutzer eingegangen ist, als das in der Vergangenheit der Fall war. Es hat durchaus ein Umdenken stattgefunden. Ich bin ein großer Freund der Innenarchitektur, weil das Interior Design immer eine Reflexion der Gesellschaft ist. Also im Rococo hat man so gelebt, wie man eben im Rococo gelebt hat. Deswegen gab es den Rococo oder den Baroque. Wir leben jetzt schon ewig in der Neuzeit, ohne dass wir einen Stil als solchen haben, weil wir den Namen der einzelnen Baustile immer in der Retrospektive gegeben haben. Wir beobachten starke Umbrüche und auf den Menschen zugeschnittene Lösungen mit hoher Aufenthaltsqualität, die zunehmend warm und nicht nur funktional sind.

Verkehrsflächen können durchaus auch Flächen sein, die ein Gebäude entschleunigen, indem man ihnen gleichzeitig noch eine Gestaltung zufügt und an denen der Besucher, der Bewohner oder der Gast partizipiert. Ich glaube, in dem Bereich passiert einiges. Ich kenne sehr viele, sehr positive Beispiele, wo sich die Innenarchitektur auf den User eingestellt hat. Wir starten beispielsweise ein Konzept immer mit einer Bedarfs analyse. Im Falle Ihres privaten Hauses schauen wir uns an, wie und mit wie vielen Menschen Sie wohnen. Wir müssen wissen, welche Eigenschaften, welche Persönlichkeit und welche Gewohnheiten Sie haben. Dasselbe gilt natürlich auch für den Projektbau im Bereich Hotellerie, Gastronomie oder Büro.
Oder auch für ein Krankenhaus.

 

Wir sprechen von den Bedürfnissen der Menschen. Wie haben sich diese im Bereich Innenarchitektur in den letzten Jahren verändert?

Es sind mehrere Entwicklungen, die Einfluss auf die Innenarchitektur nehmen. Ein großes Thema ist die Vereinsamung in der Gesellschaft. Mit Vereinsamung meine ich nicht, dass wir keinen familiären Bezug mehr zu unserer Generation davor haben. Ich bin bei meiner Großmutter großgeworden, sie wurde 1912 geboren, ich 1971. Da war Ärger vorprogrammiert, aber auch unendlich viel Lernen von einem Menschen, der schon sehr lange auf dieser Welt war.

Heute haben wir kaum noch Generationswohnen. Es gibt natürlich Wohnkomplexe, in denen man im Generationenhaus wohnt, aber das Gros der Massen wohnt allein. Single Haushalte steigen exorbitant. Das bedeutet, man hat zwar sein soziales Umfeld, aber es ist ein anderes soziales Umfeld. Für das Wohnen bedeutet es, dass ich mich einrichte, wie ich bin, ohne dass ich den Einfluss einer anderen Person berücksichtigen muss. Wenn ich viel Zeit allein verbringe, möchte ich es kuscheliger haben, als wenn ich mit anderen Menschen zusammenlebe. Das nächste Thema ist Angst. Ich habe zwei Söhne, einer ist acht und einer vierzehn. Meine Kinder gehören zu den Kindern, die Fernsehen schauen dürfen, allerdings überprüfe ich vorher alles und beobachte damit, was sie sich anschauen. Ein Tabu Thema sind jegliche Art von Informationssendungen über Konflikte in anderen
Ländern, über Kriege und Bürgerkriege, über den Klimawandel und andere Religionen. Überall gibt es so viel Aggressionsherde, die Angst schaffen. Diese Angst wird das Wohnen und das räumliche Umfeld verändern. Während in den 80er Jahren häufig eine eher kalte und maskuline Einrichtung vorherrschte, bevorzugt man heute ein leicht abgedimmtes Licht, ein kuscheliges Sofa und schöne warme Farben, um sich damit eine Art eigenen Realismus zu schaffen. Ich schalte den Fernseher aus, schaue in meine Welt und sehe, dass diese Welt nett und farbenfroh ist. Ein weiteres Thema ist das zunehmende Ego der Menschen und der in Teilen sogar schwindende Kollektivgedanke. Das schafft meiner Meinung nach auch Veränderung in der Innenarchitektur. Dieses „ich bin“, „ich kann“, „ich bin das Zentrum“, „ich bin das Wichtigste in meiner Welt“, „ich bin Work-Life-Balance“ verändert auch unser Umfeld in der architektonischen Art und schafft dadurch einen Pool an Kreativität. Das bedeutet, ich habe verschiedene Stile – ob das Shabby Chic oder die coole Avantgarde ist. Sie zusammen schaffen wiederum ein ganzes und bunter gewordenes Bild.

Ein weiteres, die Innenarchitektur beeinflussendes Thema ist die Globalisierung der Architektur. Durch die Digitalisierung haben alle Zugang zu denselben Informationen und Bildern. Wenn Sie bei Google beispielsweise „rotes Sofa“, eingeben, dann sehen Sie vermutlich überall auf der Welt dasselbe Sofa, ob Sie nun in New York, Tel Aviv oder in Lippstadt sitzen. Das schöne an unserem Beruf ist, dass wir Menschen mitbegleiten dürfen und sie an neue Dinge heranführen können. Ich denke an einen Privatkunden, dem ich vor vielen Jahren einen Küchenblock schmackhaft machte, an dem man zuschauen kann, wie der andere kocht. Was zunächst einiger Überzeugungsarbeit bedurfte, stößt heute auf Begeisterung, denn wir richten ihm derzeit sein zweites Ferienhaus mit einen Küchenblock ein.

 

Die Hotellerie ist besonders von der Krise betroffen. Wie schätzen Sie die Entwicklung dieser Bautypologie mittel- und langfristig ein? Wird es womöglich mehr kleinere Häuser statt der Großhotels geben?

Ich bin mir sicher, dass alle Konzepte in der Hotellerie oder in anderen durch uns gestalteten Bereiche, die mit Herz und Seele gemacht werden, auch weiterhin eine Berechtigung haben und existieren werden. Wichtig ist, dass es authentische Konzepte sind, die mit Leben gefüllt sind und den Gast in den Mittelpunkt stellen. Mittlerweile gibt es sehr viele, hochgradig individualisierte Hotelkonzepte, selbst in der Kettenhotellerie. Der Neubau wird voraussichtlich zukünftig ein wenig stärker beäugt werden, weil die Frage der Finanzierung aufkommt.

Ich glaube allerdings nicht, dass es einen Stopp in der Renovierung und Modernisierung von Bestandsgebäuden geben wird, hier wird es irgendwann wieder richtig an Fahrt zunehmen, da wir in diesem Bereich noch wirklich sehr viel Bedarf haben. Was die Größe der Hotels anbetrifft, müssen wir zwischen der touristischen und der Business Hotellerie unterscheiden. Ein Hotel muss immer einen wirtschaftlichen Background haben, man braucht einen bestimmten Umsatz und eine bestimmte Größe, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Von daher denke ich, werden wir nach wie vor kleine und große Hotels haben. Ich glaube allerdings, dass das Herzblut im Konzept ein wesentlicher Bestandteil sein wird. Als Gast möchte ich immer das Gefühl haben – sei es in einem kleineren oder großen Hotel –, dass sich jemand Gedanken darüber gemacht hat, wie ich die Tage oder die Woche Urlaub in diesem Haus verlebe.

Ein Hotel muss Spaß machen und bestmöglich neue Horizonte eröffnen. Ein zu beobachtender Trend ist: Während die Hotellerie jahrelang der Privateinrichtung hinterherlief, haben wir mittlerweile den Umkehrschluss. Heute ist es so, dass das Hotel im besten Falle eine Richtlinie darstellt und die Gäste auch zu Hause so leben möchten. Der Kunde wird lieblose, nicht detaillierte und nicht mit der Zeit gehende Hotels automatisch aussortieren und sie nicht mehr buchen. Selbst im unteren Segment der Hotellerie sind wir ja heute stylisch unterwegs. Ich vermute, dass der Wettbewerb noch härter wird, als er sowieso schon war. Darin liegen aber meiner Meinung nach sehr viel Möglichkeiten und Chancen.

Lesen Sie das vollständige Interview mit Olaf Kitzig auf der Seite des Architekturbarometer 30mal10 – Grohe Digital Talks.

 

Über Olaf Kitzig

Nach einer Ausbildung zum Maler und Lackierer sowie zum Schauwerbegestalter war Olaf Kitzig Trainee in einem internationalen Designunternehmen. Daran schloss er eine Ausbildung zum staatlich geprüften Einrichtungsfachberater an der Fachschule des Möbelhandels Köln an. Anschließend führte ihn sein Weg nach London, wo er als Trainee und im Bereich Teaching Interior Design tätig war. 1998 war er Interior Designer for golf clubs Atlanta, USA und gründete mit Kitzig Interior Design GmbH Lippstadt sein eigenes Unternehmen. Es folgten 2001 weitere Niederlassungen in Bochum und 2009 in München. 2017 gründete Olaf Kitzig die Kitzig Design Studios GmbH & Co. KG, Kitzig Details GmbH, Kitzig Identities GmbH. 2018 folgte eine weitere Niederlassung in Düsseldorf und ein weiteres Büro am Standort Lippstadt. (www.kitzig.com)

Weitere Blog-Einträge von Grohe

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Nicole Franken und Prof. Bernhard Franken (Franken Architekten)

Blog Architektur-Barometer 30mal10
März 2021
Blogger Grohe

Franken Architekten wurde 2002 von Prof. Bernhard Franken in Frankfurt gegründet. Gemeinsam mit Nicole Franken gründete er 2008 zudem Franken\Consulting.
Die Franken Architekten Group deckt die Geschäftsfelder Architecture, Brandspace, Interior Design, Urban Design, Engineering, Consulting und Development ab und hat ein breit gefächtertes Portfolio von der Entwicklung von Konzepten und Umsetzungen für Wohnungs- und Städtebau über Hotel und Gastronomie, Office, Retail bis hin zu Messeauftritten, Ausstellungen, Museen und Erlebnisräumen. In unserem Interview sprechen Nicole Franken und Prof. Bernhard Franken über die Veränderungen durch die Krise, die Entwicklungen in der Business- und die Tourismushotellerie sowie die Erfolgsfaktoren für das Hotel der Zukunft.

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Susanne Brückner und Laurent Brückner (Brückner Architekten)

Blog Architektur-Barometer 30mal10
Februar 2021
Blogger Grohe

Brückner Architekten steht für die Symbiose aus Architektur und Innenarchitektur, verkörpert durch Laurent und Susanne Brückner, die das Büro seit 2004 gemeinsam führen. In unserem Interview sprechen Susanne und Laurent Brückner über das Büro der Zukunft, nachhaltiges Bauen sowie darüber, wie Architektur und Innenarchitektur zu mehr „Wir-Gefühl“ beitragen kann und die aktuellen Trends in Bezug auf Möbilierung und Materialien.

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Much Untertrifaller (Dietrich | Untertrifaller Architekten)

Blog Architektur-Barometer 30mal10
Februar 2021
Blogger Grohe

Das Büro Dietrich | Untertrifaller Architekten wurde 1994 gegründetes und wird heute von Helmut Dietrich, Much Untertrifaller, Dominik Philipp und Patrick Stremler geleitet und beschäftigt ein internationales Team von mehr als 110 Architekten, die in Österreich, der Schweiz, Frankreich und Deutschland arbeiten. Das breite Spektrum ihrer Bauaufgaben reicht von großvolumigen Bauten und städtebaulichen Strukturen über das Bauen im Bestand bis hin zum Einfamilienhaus. So unterschiedlich ihre Bauwerke auch sind, gemeinsam ist ihnen der humanistische Ansatz, die innovative und nachhaltige Ausführung und das einfühlsame Verhältnis zum urbanen Kontext. Ein bestimmender Faktor all ihrer Arbeiten ist der ressourcenschonende Einsatz von Materialien, wobei unser besonderes Engagement dem zeitgemäßen Holzbau gilt. In unserem Interview spricht Much Untertrifaller über den Bildungsbau der Zukunft, die Auswirkungen und Chance der Pandemie und darüber, wie sich die Tätigkeit von Architekt*innen ändern wird.

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Norbert Schachtner (HDR)

Blog Architektur-Barometer 30mal10
Februar 2021
Blogger Grohe

HDR ist ein Architekturbüro, das global vernetzt innovative Forschungs-, Wissenschafts-, Arbeits- und Gesundheitswelten gestaltet und baut. Die Geschichte von HDR beginnt 1917 mit einer großen Idee der Ingenieure Henningson, Durham und Richardson in den Vereinigten Staaten: mit Ingenieurbauten neues Lebensumfeld schaffen bzw. bestehendes maßgeblich positiv verändern. Diese Idee ist bis heute Basis und dynamischer Treiber des internationalen Netzwerkes HDR, das sich zu 100% in den Händen der HDR-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern befindet. In unserem Interview spricht Norbert Schachtner unter anderem über den Forschungsbau der Zukunft, über Smart Technologies und über die Auswirkungen der Pandemie auf die Architektur.

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Petra Wörner (wörner traxler richter planungsgesellschaft)

Blog Architektur-Barometer 30mal10
Dezember 2020
Blogger Grohe

Gegründet wurde wörner traxler richter im Jahr 1971 in Frankfurt am Main unter dem Namen WÖRNER+PARTNER, es folgten die Büros in Hamburg 1981, Dresden 1991, München 2011 und Basel 2020 – heute arbeiten sie zusammen mit über 160 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen an Standorten in Frankfurt, Dresden, München und Basel. Seit Jahrzehnten sind wörner traxler richter erfolgreich und richtungsweisend im Bereich des Gesundheits- und Forschungsbaus tätig. Die Planung und Realisierung von Schulbauten, Wohn- und Hotelprojekten, Museums- und Kulturbauten und die Entwicklung von städtebaulichen Konzepten und Masterplänen ergänzen das Aufgabenspektrum. In unserem Interview spricht Petra Wörner unter anderem über das Krankenhaus der Zukunft, welche Auswirklungen die Krise auf unser Gesundheitssystem hat und welche Chance die Pandemie für die Architektur bedeutet.