Blog Architektur-Barometer 30mal10

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Barbara Schaeffer und Prof. Juan Pablo Molestina (Molestina Architekten)

Krisen bieten auch Chancen, vieles zu überdenken und einen Perspektivwechsel einzuleiten.
Welche Chancen sehen Sie in der Krise für die Branche?

Die Chance liegt sicherlich in dem Zwang, sich dem Digitalisierungsrückstand zu stellen. Wir haben seit ca. zwanzig Jahren Instrumente für digitales Arbeiten, die aus verschiedensten Gründen nicht ausreichend genutzt wurden. Jetzt sind wir überraschend in eine Notsituation geraten und sind alle gezwungen, mit den digitalen Instrumenten zurecht zu kommen. Und dies funktioniert erstaunlich gut.

Wir haben uns binnen kürzester Zeit umgestellt und erleben dadurch neue Arbeitsabläufe und mehr produktive Arbeitszeit durch den Entfall von Fahrzeiten. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass alle Absprachen ‚im persönlichen Gespräch‘ getroffen werden müssen. Das Arbeiten in Deutschland ähnelt durch die Krise stärker an das Arbeiten in anderen Ländern, wo Telefon und Videokonferenzen schon länger eine breite Akzeptanz genießen. Eine weitere Chance sehen wir in dem Überdenken des ,Leben in der Stadt‘, speziell des ,Wohnen in der Stadt‘. Warum soll man Wohnen und Arbeiten in der Stadt nicht viel stärker miteinander kombinieren? Und Umgekehrt: kann man nicht das Wohnen in der Peripherie städtischer machen durch die digitale Vernetzung? Die gegenseitige Vernetzung von Innenstadtwohnen und Wohnen in der Periphärie ist seit der Pandemie viel stärker geworden. Die Vorteile, die das Landleben bietet (das Wohnen im Grünen), sollten wir jetzt stärker in die Stadt einbringen und sie transformieren. Schon vor der Pandemie haben wir über Klimaschutz und Klimawandel im städtischen Kontext gesprochen. Wie können wir das Leben in unseren Städten anders und besser gestalten? Mit mehr Rückzugsraum und Naturangeboten? Dies ist natürlich eine weitreichende Frage, die nicht nur Architekten und Stadtplaner beschäftigt. Wir haben nun aber die Chance zu reflektieren und anders zu handeln. Die Pandemie hat einen Ruck in unserer Gesellschaft ausgelöst und diesen können wir uns alle zunutze machen.

Falls die Krise langfristig besteht, hätten wir eine Situation wie Ende des neunzehnten Jahrhunderts, als sich die Städte auch wegen der Hygiene von Grund auf neu konzipieren mussten, was auch radikal neue Wohnmodelle mit sich zog. Sollte die Krise also ein Dauerzustand werden, müssen wir grundsätzlich über die Stadtmorphologie nachdenken.

 

Sie plädieren dafür, die Vorteile des Lebens auf dem Land in die Stadt zu transportieren. Wie soll das konkret funktionieren?

Dieser Widerspruch löst sich sehr schnell auf, wenn man nicht mehr nur die individuelle Wohnung, sondern die Wohnungen innerhalb eines Quartiers betrachtet. Die Menschen kauften aus Kostengründen bislang häufig nur die Fläche, die sie unbedingt brauchten und diese beinhaltete in der Regel keinen Arbeitsraum oder keinen zusätzlichen Raum, in dem man neue Funktionen hätte unterbringen können. Wir müssen uns lösen von dem Muster der Investoren, jede Wohnung als eine Einheit zu betrachten, die dann auch so – losgelöst von der unmittelbaren Umgebung – verkauft wird.

Wir müssen das Gesamtquartier und die Nachbarschaften betrachten und mit einbeziehen und kollektive Arbeits- und Rückzugsorte für alle schaffen. Im übrigem, alle sprechen von Dichte in der Stadt. Die Flächendichte in vielen Städte in Deutschland ist derzeit kaum höher als vor dem zweiten Weltkrieg, auch wenn die Städte grösser geworden sind. Das heißt, wir haben in Bezug auf die Dichte unserer Städte noch „Luft nach oben“. Studenten an der Hochschule Düsseldorf haben sich mit dem Thema beschäftigt, und deren Arbeiten zeigen, wie zehntausende neuer Wohnungen unter Anwendung städtischer Leer- oder wenig genutzter Flächen entstehen könnten.

 

Der Großteil der Grundrisse unserer Wohnungen stammt aus dem Funktionalismus und der ist vor hundert Jahren entstanden und entspricht heute nicht mehr dem Bedarf der Gesellschaft. Hätten wir den Wohnungsbau nicht längst revolutionieren müssen?

Unbedingt. Es gibt in der Physik den Begriff des katalytischen Moments, in dem etwas kippt. Dann wechselt ein Element von einem Zustand in einem völlig neuen. Einen solchen Moment erleben wir vielleicht zurzeit. Nicht, weil wir grundsätzlich neue Erkenntnisse gewonnen haben, sondern weil die Wünsche, anders zu wohnen und anders zu leben, endlich an das Tageslicht kommen. Man denke beispielsweise an die Auswirkungen der Pandemie auf die Mobilität und dadurch auf unsere Städte. Dadurch, dass zunehmend mehr Menschen von zu Hause aus arbeiten werden, sinkt die Anzahl der Berufspendler und reduziert den Verkehr in den Straßen. Dies bewirkt womöglich mehr Fläche für Fahrradwege, breitere Bürgersteige, mehr Grünflächen durch die Reduzierung von Fahrspuren um Raum für Baumpflanzungen zu schaffen. Auf einmal gibt es jetzt in Mailand, einer Stadt, die sich immer mit der Verkehrsberuhigung schwer tat, wegen der Pandemie viele reine Fußgängerstraßen um die nötigen Abstandsregeln zu erfüllen. Die Pandemie gleicht einer Evolution in der Natur, in der sich die Spezies nicht sukzessive Stück für Stück verändert haben, sondern plötzlich, wie durch den Einschlag eines Meteoriten auf die Erde, eine ganz neue Welt beginnt.

Lesen Sie das vollständige Interview mit Barbara Schaeffer und Prof. Juan Pablo Molestina auf der Seite des Architekturbarometer 30mal10 – Grohe Digital Talks.

 

Über Barbara Schaeffer

geboren in Leverkusen (1962). Nach einem kurzen Einblick in die Kunstgeschichte, Archäologie und Romanistik an der Universität in Mainz studierte sie Architektur in Köln. In den 90er Jahren lebte und arbeitete sie für mehr als 2 Jahre in Paris. Seit 2007 ist Barbara Schaeffer als Architektin und Geschäftsführerin für Molestina Architekten tätig. Darüber hinaus unterrichtet sie seit 2007 als Lehrbeauftragte für Gebäudelehre und Entwerfen an der Universität Siegen. Zu den wichtigsten Projekten gehören das Pfarrzentrum in Hilden, diverse Wohnungsbauten in Köln und ein Verwaltungsneubau als Headquarter für ein Pharmaunternehmen in Iserlohn. (www.molestina.de)

Über Prof. Juan Pablo Molestina

geboren in Quito, Ecuador (1955), studierte er Architektur an der Yale University in New Haven (USA) und am MIT in Cambridge (USA). Zudem arbeitete er bei Dr. Hassan Fathy in Ägypten. Seit 2001 ist er Professor für Gebäudelehre und Entwerfen an der PBSA (HSD) in Düsseldorf und seit 2010 auch Dekan. In 2018 wurde er Direktor des neuen Civic Design Programms (M.Sc. in Arch.). Als Gründungsgesellschafter von Molestina Architekten mit dem Büro in Köln ist er in den Bereichen Architektur und Städteplanung tätig. Zu den wichtigsten Projekten zählen der Masterplan für Ruhr Uni Bochum (2010), Neuer Campus Mülheim a.d. Ruhr (2010), Kö-Bogen II, Düsseldorf (2009) und die Siedlung Ossendorf in Köln (Genossenschaftswohnen – Gesamtfertigstellung in 2022). (www.molestina.de)

Alle Blog-Einträge von Grohe

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Markus Hammes (hammeskrause architekten)

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September 2020
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hammeskrause architekten entwerfen Gebäude unterschiedlicher Bautypologien. Diese reichen von Bauwerken im Bereich der Wissenschaft, Forschung und Industrie über öffentliche Bauten bis hin zu Gebäude für Pflege und Gesundheit. Dabei reicht ihr Tätigkeitsfeld von der Architektur und Innenarchitektur bis hin zur Landschaftsplanung und Generalplanerleistungen. Dabei prägen ein wertschätzendes Miteinander und der offene Dialog im Team die Zusammenarbeit von hammeskrause architekten. In unserem Interview spricht Markus Hammes unter anderem über die Bautypologie Forschung, seine besondere Expertise im Bereich der Forschung und Wissenschaft, aktuelle städtische Entwicklungen sowie welche Chancen sich durch die Krise eröffnet haben.

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Jurek M. Slapa (SOP Architekten)

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September 2020
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slapa oberholz pszczulny | sop architekten entwickelt Bauwerke in den Bereichen Büro-, Gewerbe-, Hotel-, Industrie- und Wohnungsbau sowie Flughäfen, Sportstätten und Einrichtungen für Lehre und Forschung. Das international tätige Büro steht für eine klare, zeitlose Architektursprache. In unserem Interview spricht Jurek M. Slapa unter anderem über den Wertewandel in der Gesellschaft und die Auswirkungen auf die Architektur, die möglichen Veränderungen verschiedener Bautypologien und die Anforderungen an das Büro der Zukunft.

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Gert Lorber (Lorber Paul Architekten)

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September 2020
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Das Büro Lorber Paul Architekten plant und realisiert vornehmlich Projekte im Bildungs-, Gewerbe- und Wohnungsbau sowie im städtebaulichen Bereich. Dabei prägen Bauaufgaben unterschiedlicher Größen für öffentliche und private Auftraggeber die Erfahrungen und Abläufe des Büros. 2020 erhielt das Büro den deutschen Bauherrenpreis für die Wohnbebauung in der Holsteinstraße in Köln. In unserem Interview spricht Gert Lorber über die Diskrepanz zwischen aktuellem Wohnungsmarkt und der sich verändernden Gesellschaft, über Umnutzung von Immobilien und sich vorhandene Trends in der Baubranche.

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Michaela Hauser (ATP architekten ingenieure)

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August 2020
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Das Besondere an ATP architekten ingenieure ist die integrale, BIM-basierte Planungsweise in einer europaweit vernetzten Unternehmensstruktur. Am Standort München steht vor allem die Integrale Planung von Immobilien für den Industriebau und die Forschung sowie für die Bereiche Büro, Tourismus, Handel und Wohnen im Fokus. In unserem Interview spricht Michaela Hauser über Chancen der Baukultur, Sanierung und Revitalisierung von Leerständen sowie die Veränderungen in der Hotelbranche.

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Matthias Pfeifer (RKW Architektur+)

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August 2020
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RKW Architektur+ rücken den Menschen in den Fokus, was sich nicht nur an den über 400 Architekten, Innenarchitekten, Bauingenieuren, Fachplanern und Controllern zeigt, die Generationen, Nationalitäten und Begabungen verbinden, sondern auch an ihren Projekten. Sie verstehen sich als innovative Gestalter und suchen nach neuen Antworten auf immer wiederkehrende Fragen. In unserem Interview spricht Matthias Pfeifer über die Auswirkungen und Chancen der Pandemie, über das Motto „Office is where you want“ und dem Wunsch nach gemischten Nutzungskonzepten.

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Prof. Eckhard Gerber (Gerber Architekten)

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August 2020
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Mit über 50 Jahren Expertise verfügt Gerber Architekten über langjährige Erfahrung und Kompetenz bei allen Themen des Bauens – von Büro- und Hochhausbauten über Gebäuden für Wissenschaft und Lehre, Kunst und Kultur sowie Labor- und Forschungsbauten bis hin zu Wohnungs- und Verkehrsbauten. Prof. Eckhard Gerber blickt in unserem Interview auf die Auswirkung der Krise auf die verschiedenen Bautypologien wie Wohnen, Büros und Kulturbauten und betrachtet die Auswirkungen des gesellschaftlichen Wertewandels auf die Architektur.

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Magnus Nickl (Nickl & Partner Architekten)

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August 2020
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Als international tätiges Büro widmen sich Nickl & Partner Architekten der Planung und Durchführung von Bauten des Gesundheitswesens und der Forschung, aber auch dem sozialen Wohnungs- und Städtebau. Ihre Entwürfe sollen den Arbeits- und Lebensraum positiv stärken, wobei im Zentrum stets der Mensch steht. Magnus Nickl, der aktuell zwei Großprojekte in der Schweiz sowie das Büro in Indonesien betreut, blickt in unserem Interview auf die bisherigen Entwicklungen und mögliche Verfehlungen im Gesundheitswesen, gibt aber auch Antwort auf die Fragen wie die Corona-Pandemie den Gesundheitssektor und die Architektur verändern wird.

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Ruprecht Melder (Chapman Taylor)

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Juli 2020
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Seit 25 Jahren ist Ruprecht Melder für das internationale Architekturbüro Chapman Taylor tätig und hat seither nicht nur zahlreiche Entwurfskonzepte für innerstädtische Entwicklungen und Architekturwettbewerbe erarbeitet, sondern auch den Prozess der heutigen Diversifizierung des Büros maßgebend vorangetrieben. Ob der Architekt durch die Krise die Chance hat, sein Berufsbild neu zu positionieren, wie er die Entwicklungen nach der Pandemie einschätzt und wie für ihn das Büro der Zukunft aussieht, darüber spricht Melder in unserem Interview.

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Stefan Behnisch (Behnisch Architekten)

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Juli 2020
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Stefan Behnisch gründete sein Büro 1989 und hat mittlerweile nicht nur weitere Standorte in Los Angeles, Boston und München, sondern kann vor allem auf zahlreiche wegweisende Projekte im Beriech des nachhaltigen Bauens in Europa und den USA zurückblicken. Er findet, dass der Wohnungsbau längst hätte neu gedacht werden müssen und die Krise eine Chance bietet, Architektur in vielen Bereichen neu zu betrachten. Im Interview spricht er darüber, wie es ihm und seinen Kollegen in den letzten Monaten erging und ob wir zukünftig Bautypologien überdenken oder das Berufsbild des Architekten neu positionieren müssen. Auch die Frage nach flexiblen Wohnungsgrundrissen, der Verdichtung der Stadt und Smartcity werden aufgegriffen.

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Gerhard G. Feldmeyer (HPP Architekten)

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Juli 2020
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Gerhard G. Feldmeyer von HPP Architekten ist sich sicher: „Die Corona-Krise verleiht dem schon längst begonnenen Strukturwandel eine unvorstellbare Dynamik, die alle gesellschaftlichen Bereiche erfasst […]. Als Architekten stehen wir mitten im Geschehen, da wir uns mit einer Vielzahl von gesellschaftlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Themen Tag für Tag auseinandersetzen. […] Die vieldiskutierte Flexibilisierung des Arbeitens hat jetzt in weniger als zwei Monaten den Sprung aus der Nische in die Wirklichkeit geschafft. Für uns als Architekten bedeutet das, dass wir uns mit neuen Konzepten für zukunftsfähige Arbeitswelten auseinandersetzen. Wir befinden uns in einer sehr spannenden Zeit und können Zukunft aktiv mitgestalten!“ Welche Chancen und Veränderungen Gerhard G. Feldmeyer genau in der aktuellen Situation sieht und wie sich die Bürowelt verändert, erzählt er im Interview.

Architekturbarometer 30mal10 – Interview mit Corinna Kretschmar-Joehnk und Peter Joehnk (JOI-Design)

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Juli 2020
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Corinna Kretschmar-Joehnk und Peter Joehnk leiten gemeinsam das Büro JOI-Design in Hamburg, das als eines der führenden europäischen Innenarchitektur- und Designstudios durch eine mehr als 35-jährige Erfahrung im Hospitality Design sowie über 500 realisierte Hotelprojekte weltweit überzeugt. Wie sie die Auswirkungen der Pandemie und die sich daraus ergebenden Chancen sowie die Veränderungen in der Baukultur im Bereich der Hotellerie erleben – persönlich, aber vor allem auch beruflich – verraten sie im Interview.

Architekturbarometer 30mal10 – GROHE Digital Talks

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Juli 2020
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Die in 2020 ausgebrochene Pandemie wirkt wie ein Beschleuniger längst angelaufener Trends. Welche Konsequenzen hat sie für die Bau- und Immobilienbranche und im Speziellen für die Architektenschaft? Im Architektur-Barometer 30mal10 – GROHE Digital Talks nehmen 30 Persönlichkeiten aus Architektur und Immobilienwirtschaft Stellung zu jeweils 10 Fragen. Im Zentrum der Interviews steht die Einschätzung der Auswirkungen der Pandemie auf unsere Baukultur, unsere Städte und konkret auf Bautypologien wie Wohnungs- und Bürobau, Hotellerie, Krankenhäuser und Pflegeheime, öffentliche Gebäude und Bildungsbauten. Lesen Sie in hier von Woche zu Woche, wie renommierte Architekten die Gegenwart und Zukunft unserer Baubranche einschätzen.