Eine Frage an … DesignBuild in der Architektur

Fragen an die Kuratorin Dr. Vera Simone Bader (Architekturmuseum der TU München) anlässlich der Ausstellung EXPERIENCE IN ACTION! DESIGNBUILD IN DER ARCHITEKTUR (vom 23. Juni bis zum 15. August 2021 im AIT-ArchitekturSalon Hamburg)

 

DesignBuild erlebte in den letzten Jahren einen regelrechten Boom. Es gab aber immer wieder auch Kritik an der Herangehensweise. Wie fällt Ihr Zwischenfazit nach der intensiven Beschäftigung mit der Thematik aus?

Es gibt immer Kritik, wenn Menschen aktiv werden und ihre Arbeit öffentlich wird. Aber ja, ich verstehe DesignBuild als eine in der Entwicklung begriffene Lehrmethode. Das heißt, die Projekte, die vor zehn Jahren entstanden, wurden teilweise ganz anders konzipiert. Heute gibt es viel mehr Kooperationen und Netzwerke, und auf den partizipativen Teil wird besonders viel Wert gelegt. Kritik führte und führt immer zu Reflexion und Neujustierung. Ersteres erscheint mir zum Beispiel in den letzten Jahren tatsächlich an manchen Stellen zu kurz gekommen zu sein – gerade was die Themen Evaluation oder die Implementierung dieser Projekte im globalen Süden betrifft. Das ist auch der Grundtenor in den Texten von Architekten und Wissenschaftlern, die für den Katalog zur Ausstellung „Experience in Action! DesignBuild in der Architektur“ geschrieben haben. Aber darauf wird dann auch direkt reagiert. Die Sto-Stiftung hat in diesem Jahr z.B. eine neue Kategorie in ihrem Förderprogramm eingerichtet: DesignBuild-Reflect, die genau auf diese Schwachstelle zielt. Ich finde es toll, dass auf Kritik Reaktion folgt und unterstütze das sehr. Ich bin auf die Ergebnisse der geförderten Projekte gespannt.

Was sind die wertvollsten Erfahrungen, die Studierende von der Teilnahme an einem DesignBuild-Projekt mitnehmen?

In der Ausstellung kommen mehrere Studierende der TU in Form von Interviews zu Wort – alle sagen etwas anderes. Viele sind begeistert von der Erfahrung, in einer Gruppe über mehrere Monate intensiv zusammengearbeitet zu haben. Und alle sind stolz, wenn sie über das Gebäude sprechen, das sie entworfen und gebaut haben. Wenn sie im Ausland unterwegs waren, dann kommen natürlich noch die kulturellen Eindrücke hinzu. Die anhaltende Motivation, die hinter jedem Projekt steht und auch stehen muss, damit es verwirklicht wird, ist der Grund, warum diese Entwurfspraxis so nachhaltig wirkt. Die dort gesammelten Erfahrungen werden nicht vergessen.

Mit welchen Mitteln können die Prozesse reflektiert und evaluiert werden?

Das ist eine äußerst komplexe Frage, an der die einzelnen Studios noch intensiv arbeiten. Evaluation war sicherlich lange Zeit kein Thema. Und zugegebenermaßen sind die Studierenden und Lehrenden keine Soziologen, die sich in der Evaluationspraxis auskennen. Daher könnte es ein Weg sein, die Projekte interdisziplinär anzulegen und z.B. mit Studierenden der  Sozialwissenschaften zusammenzuarbeiten. Das könnte für alle Teilnehmer sehr interessant sein.

Was sind häufige Fehleinschätzungen, die bei DesignBuild-Projekten immer wieder ins Gewicht fallen?

Außenstehende und Beobachter messen den Projekten hierzulande keinen größeren Wert bei, weil es kleine Studierendenarbeiten sind, die mit wenig Geld aber viel Manpower durchgesetzt werden. Aber wenn sie gut gemacht sind, haben sie einen ungeheuren Impact auf die Umgebung. Schwierig ist es auch, wenn Studierende und Lehrende, die Teil eines DesignBuild Projekts sind,  mit einer vorgefertigten Idee an eine Gemeinschaft herantreten. Ohne die anfängliche Einbindung der späteren Nutzer kann ein notwendiger Aneignungsprozess nur erschwert stattfinden.

Was können DesignBuild-Projekte leisten, was die etablierte Architektur nicht vermag?

DesignBuild bringt Projekte hervor, die in einem normalen Architekturbüro in dieser Form gar nicht leistbar sind. Der Zeitaufwand ist immens groß. Denn die Studierenden setzen sich, wenn es gut läuft, in mehreren Prozessphasen, also immer wieder mit den Wünschen und Vorstellungen der Nutzer auseinander. Und gerade weil dieser Prozess so langsam voranschreitet, können sich sowohl die Nutzer als auch die Studierenden mit den Projekten identifizieren und fühlen sich für das „Weiterleben“ verantwortlich.

Wie kann DesignBuild die allgemeine Architektur beeinflussen?
Bzw. ist bereits eine Beeinflussung sichtbar?

Viele Studierende entscheiden sich, solche Projekte auch später weiterhin durchzuführen. Das sind keine Einzelfälle! Und Partizipation wird immer wichtiger in der Architektur, allein schon beim genossenschaftlichen Bauen.

Welche besonderen Herausforderungen sind damit verbunden, eine Ausstellung über DesignBuild zu konzipieren und umzusetzen?

Es gibt unzählige solcher Projekte – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Es ist also schwierig, eine Auswahl zu treffen, die auf bestimmten Kriterien beruht. In diesem Fall hat die Struktur der Ausstellung in vier Prozessschritten (Recherche, Dialog, Entwerfen und Bauen) dazu geführt, dass ich Projekte benennen konnte. Die Auseinandersetzung mit der Form der Ausbildung findet hingegen über Interviews, Zitate an den Wänden und über die Ausstellungsobjekte (Timeline und Graphiken) statt, die Studierende der TUM zusammen mit mir in einem Seminar erarbeitet haben. Und natürlich reagiert der Katalog auf die vielen so unterschiedlichen Themen, die mit DesignBuild verbunden sind.

 

Dr. Vera Simone Bader

… ist Kunsthistorikerin, Autorin und seit 2013 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Architekturmuseum der TU München. Dort kuratierte sie unter anderem die Ausstellungen „Lina Bo Bardi 100. Brasiliens alternativer Weg in die Moderne“ (2014) und „World of Malls. Architekturen des Konsums“ (2016). Für ihre Dissertation erhielt sie 2014 den Hans-Janssen-Preis der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.