Wir brauchen für Europa nicht nur eine umfassende Utopie

Utopien sind wichtig für Architekten. Warum? Das erlären wir Ihnen zusammen mit namhaften Architekten…

Die Definition von Utopie bedeutet, etwas, was in der Vorstellung von Menschen existiert, aber (noch) nicht Wirklichkeit ist. Was aber die Utopie mit Architektur zu tun hat? Eine ganze Menge. Gäbe es die Utopie nämlich nicht, gäbe es aller Wahrscheinlichkeit nach auch keine Architekten. Denn dieselben denken genau das, was es noch nicht gibt – so wie der künstlerisch Schaffende aus dem Nichts schöpft, so macht es auch der/die Architekt*in. Neu ist es also nicht – aber ein Thema ist es allemal. Interessant sind die Entwürfe, die von namhaften Architekt*innen bereits in den 70ern des letzten Jahrhunderts entworfen, gezeichnet oder sogar realisiert wurden. Acrosanti von Paolo Soleri, eine Experimentalstadt in der Wüste Arizonas zum Beispiel, Brasilia (1962) von Oscar Niemeyer oder auch das von Le Corbusiers Wohnmaschine inspirierte Projekt Peter Cooks, Warren Chalk und Ron Herron „Walking City (1964-1971) – um nur einige wenige zu nennen. Es ist auch tatsächlich immer wieder erstaunlich, was Drogen bewirken können.

Aber Spaß beiseite:

Das Thema Utopie wird immer häufiger an vielen Stellen diskutiert. Erst unlängst gab es einen sehr beeindruckenden Kongress zum Thema Utopie an der fortschrittlichen Leuphana-Universität. Dort wurde von namhaften Leuten der Wohlstand im 21. Jahrhundert unter die Lupe genommen und über das utopische Momentum philosophiert. Bedauerlicherweise wurde kein*e Architekt*in dazu eingeladen wie beispielsweise der Stadtplaner Peter Haimerl, der über Stadtutopien bedauernd feststellt: „Wir folgen der wenig nachhaltigen und flächenfressenden US-amerikanischen Vorstellung von raumlosen Struktur- und Raster- (Vor)-Städten und zerstören seitdem sukzessive die Errungenschaften des europäischen Städtebaus, die seit dem 12. Jahrhundert unsere Stadträume prägten – inklusive ihres historischen Bestandes.“ Klar festgestellt wird von dem Architekt*innenteam „next architects“ aus Holland das Format der zukünftigen Architekt*innen: „Die Zukunft ist unvorhersehbar. Das hält uns auf Trab und erfordert, dass unsere Entwürfe kreativ, anpassungsfähig und flexibel sind.“ Und OXO architects, ein Büro aus Frankreich, stellt zum Thema fest: „Als Architekt*innen und Gestalter*innen der Städte von morgen beziehen wir ein großes Maß an Utopie in unsere Herangehensweise ein, auch wenn die Gesellschaften noch nicht bereits für diese Veränderungen sind.“

Die aktuellen Architekt*innen streben – so wie ihre Vorgänger auch schon – nach Lösungsansätzen. Peter Haimerl fordert daher „Wir brauchen für Europa nicht nur eine umfassendere Utopie, sondern konkrete Lösungen, die so komplex sind, wie unsere Geschichte, die vieles definieren, aber die auch vieles offen lassen können: In diesen neuen utopischen Stadtraum integrieren sich wie selbstverständlich technische Innovationen aus den Bereichen Mobilität und Infrastruktur in den historischen Bestand und bannen die darin gespeicherte graue Energie. Dabei ist der Bestand gleichsam das „Korallenriff“, das nicht sterben darf und in das neue Lebensräume hineinmodelliert werden müssen.“ Folgt man dieser Ausrichtung, können wir heute schon davon ausgehen, dass wir gute Chancen haben, die Zukunft bereits jetzt schon nachhaltig zu denken.