Eine Frage an… Bauen in der Klimakrise

 

Vicky Metzen und Anna Scheuermann

„Die Notwendigkeit von Umweltschutz und Klimapolitik dringt immer mehr ins gesellschaftliche Bewusstsein. Auch in der Architekturbranche. Doch die Dringlichkeit eines radikalen Wandels im Bauen und Planen sind nach wie vor nicht in der Praxis angekommen. Die Realität sieht wie folgt aus: Dass „Grün“ sein muss, hat sich sogar bis zu den Planern und Investoren herumgesprochen. Wände werden bepflanzt und Blumentöpfe an Fassaden geheftet. Das war es dann aber – etwas überspitzt gesagt – auch schon damit. Projekte werden als grün und ökologisch verkauft, obwohl sich dahinter machmal eine Dämmung auf Erdölbasis versteckt. Das ist durchaus sinnbildlich für eine Gesellschaft, die die Symptome bekämpft und die Ursachen verdrängt. Ein notwendiges Anliegen verkommt zu einer rein ästhetischen Entscheidung, mit der sich am Ende sogar noch ganz gut Geld verdienen lässt. Wirklich konsequente Schritte fallen nur allzu schnell unter den Tisch. Natürlich gibt es Ausnahmen. An der Tatsache, dass die Baubranche einen Großteil der CO2-Emission zu verschulden hat, ändert das freilich nichts.

 

In einem Wirtschaftssystem, das auf Profitmaximierung beruht, scheint ein Wandel hin zu ökologischem Bauen und Planen nüchtern betrachtet utopisch. Dennoch müssen wir genau da hin. Momentan steuern wir mit unserem CO2-Ausstoß auf 3 bis 4 Grad globalen Temperaturanstieg in den nächsten 80 Jahren zu. Die Folgen sind nur schwer abzusehen. Was sicher ist, ist die Tatsache, dass die Erde dann zu großen Teilen unbewohnbar sein wird.

Was also tun? Unsere Herausforderung in den kommenden Jahren wird sein, endliche Rohstoffe gewissenhaft im Bau einzusetzen, den gesamten Bauprozess ökologisch zu gestalten und CO2-neutrale Gebäude, Brücken und Straßen zu bauen. Denn ein Bauwerk, das sowohl im Bau als auch in seiner Nutzung schon CO2-neutral ist, gibt es bislang nicht. Alle Bauprozesse, Transporte und auch die Nutzung müssten hierfür auf regenerativen Energien basieren.

 

Was wir bauen müssen, wissen wir längst. Jetzt gilt es, diese Erkenntnisse flächendeckend umzusetzen.“

Die Architektinnen Vicky Metzen und Anna Scheuermann haben den Ableger ArchitectsForFuture Frankfurt/Hessen gegründet und setzen sich für einen radikalen Wandel in der Baubranche ein.

architects4future.de

 

AZW-Direktorin Angelika Fitz

„Die Lage ist kritisch. Menschengemachte ökologische und soziale Katastrophen drohen den Planeten unbewohnbar zu machen, und dominiert von den Interessen des Kapitals sind Architektur und Urbanismus in diese Krisen verstrickt. Doch es geht auch anders, wie die Ausstellung „Critical Care. Architektur für einen Planeten in der Krise“ gezeigt hat, die ich gemeinsam mit Elke Krasny kuratiert habe. Die Schau und das dazu gehörige, bei MITPress erschienene Buch geben ein Plädoyer für eine neue Haltung in Architektur und Stadtentwicklung: eine Haltung des Sorgetragens. 21 aktuelle Beispiele aus Asien, Afrika, Europa, der Karibik, den USA und Lateinamerika stellen unter Beweis, dass Architektur und Stadtentwicklung sich nicht dem Diktat des Kapitals und der Ausbeutung von Ressourcen unterwerfen müssen. Dazu gehören die Rückeroberung der Straßen als Aufenthaltsraum in Barcelona, die Umnutzung von leerstehenden Bürobauten für Kultur, Soziales und Wohnen in Berlin und Sao Paulo, erdbebensichere und nachhaltige Dorfentwicklung in China, Überschwemmungsschutz durch traditionelle CO2-arme Bautechniken in Pakistan und Bangladesch, die Verlängerung der Lebensspanne von Bauten aus der Nachkriegsmoderne in Frankreich, ein ökologischer Community Land Trust in Puerto Rico, die Revitalisierung historischer Bewässerungssysteme in Spanien, neue Konzepte für öffentliche Räume und durchmischte Stadtquartiere in Wien, London und Nairobi. In jedem der Projekte werden die Beziehungen zwischen Ökonomie und Ökologie neu bestimmt. Das erfordert neue Allianzen zwischen Architekt*innen, Stadtverwaltungen, Zivilgesellschaft und nachhaltig orientierten Unternehmen. „Critical Care“ beweist, dass Architektur und Urbanismus dafür sorgen können, den Planeten und seine Bewohner*innen wiederzubeleben. Die Reparatur der Zukunft hat begonnen!“

 

Über die Autorin:

Angelika Fitz ist Kulturtheoretikerin, Autorin und Kuratorin, seit 1998 mit eigenem Büro in Wien. Sie entwickelt kuratorische Projekte an den Schnittstellen von Architektur, Kunst und Urbanismus für internationale Museen, Ministerien und Kulturinstitute. Sie leitet seit 2017 das Architekturzentrum Wien.

www.azw.at