Gedanken über das Revival von Drive-Ins in Zeiten von Abstandsregelung und Mobilitätswende

In Zeiten von Kontaktverbot, eingeschränkten Unterhaltungsmöglichkeiten und Verunsicherung suchen die Menschen nach Alternativen und Bekanntem. Fast vergessen geglaubte architektonische Relikte erleben dabei einen Aufschwung: Autokinos und Drive-Ins, deren Blütezeit die 1950er-Jahre waren, werden vielerorts neu eröffnet oder wiederbelebt – und erfreuen sich großer Beliebtheit. Auch Apotheken, Baumärkte, Banken oder sogar Reinigungen werden bereits mit Drive-In-Möglichkeit angeboten. Es scheint, als seien diese bisherigen Raritäten in Zeiten wie diesen eine Art architektonische Wunderwaffe, um die herum sich eine neue Form der Architektur entwickeln könnte. Doch wie sind solche Angebote mit der sich verändernden Mobilität und der Entwicklung hin zur autofreien Stadt vereinbar? Wie können Drive-Ins Teil des urbanen Raums werden und das soziale Miteinander stärken, ohne durch die eigene Funktionsweise die Isolation des Individuums zu fördern? Handelt es sich nur um ein temporäres Phänomen oder ist es ein Trend, der sich etablieren und aus dem heraus sich eine neue Typologie entwickeln wird?

Diese Entwicklungen der Drive-Ins mit aktuell oft eher provisorischem Charakter, aus einem alternativlosen Pragmatismus entstanden, möchten wir in Zusammenhang mit Fragestellungen rund um Mobilitätskonzepte, soziales Miteinander und öffentlichen Raum in einer Ausstellung ausarbeiten, die Ende des Jahres im AIT-ArchitekturSalon München und im Anschluss in Hamburg zu sehen ist.

Gegenwärtig können wir die Wiederbelebung und Neueröffnung von Autokinos erleben. 1933 als „Drive-In Theatre“ in den USA entstanden, wurde das Autokino im Laufe der Jahre immer beliebter, bis es 1960 fast 5.000 solcher Freiluftkinos in Amerika gab. Das erste Autokino Europas eröffnete ebenfalls 1960 unweit von Frankfurt am Main in Gravenbruch. Wirklich durchsetzen konnte es sich hier allerdings nicht und auch in den USA gibt es heute gerade noch etwa 350 solcher Kinos.

In der aktuellen Coronazeit allerdings erleben die Autokinos einen Aufschwung: In Mönchengladbach und Offenburg beispielsweise haben erst kürzlich drei dieser Kinos eröffnet und in Köln Porz und Düsseldorf gab die Mundartband Brings sogar Konzerte vor ausverkauftem Parkplatz.

Welche Auswirkungen haben Drive-Ins auf die Infrastruktur und wo liegen die Grenzen?

Im englischen Sprachgebrauch werden Autokinos als Drive-Ins bezeichnet, ebenso wie Schnellrestaurants, in denen die Gäste im parkenden Auto bedient werden. Bei uns verstehen wir darunter eher jene Dienstleistungen, die wir im Vorbeifahren konsumieren können, wie beispielsweise  eine Bestellung in einem Fast-Food-Restaurant. Sowohl bei dem einen als auch dem anderen ist der Kontakt zwischen den Menschen so gut wie nicht vorhanden, was es besonders in aktuellen Zeiten attraktiv werden lässt. Von daher ist es wenig verwunderlich, dass es bereits Apotheken, Baumärkte, Banken oder auch Reinigungen mit Drive-In-Möglichkeit gibt. Und tatsächlich erscheinen diese bisherigen Raritäten in Zeiten wie diesen als architektonische Wunderwaffe, um die herum sich eine neue Form der Architektur entwickeln könnte. Allerdings stellt sich die Frage, bei welchen Geschäften und Dienstleistungen ein Drive-In-Bereich überhaupt möglich ist und welche Auswirkungen er auf die Infrastruktur hätte. Wo liegen die Grenzen? Wie sind solche Angebote mit der sich verändernden Mobilität und der Entwicklung hin zur autofreien Stadt vereinbar und wie könnten beispielsweise E-Mobile oder Fahrräder integriert werden? Wie können Drive-Ins Teil des urbanen Raums werden und das soziale Miteinander stärken, ohne durch die eigene Funktionsweise die Isolation des Individuums zu fördern?

Urbanität und die Rückerorberung der Stadt

Dabei sollte das große Ziel einer Mobilitätswende nicht aus den Augen verloren werden. Und tatsächlich erleben wir in den Zeiten der Corona-Beschränkungen auch ein zweites Revival: das des Fahrrads. Seit der Wiedereröffnung der Geschäfte bilden sich tagtäglich lange Schlangen an den Fahrradläden. In diesem vielerorts ziemlich sonnigen Frühjahr entdecken viele also das Fahrradfahren neu und sind damit auch Teil einer „Rückerorberung der Stadt“. Im Herbst 2019 präsentierten die AIT-ArchitekturSalons mit viel Erfolg die vom DAM konzipierte Ausstellung „Fahr Rad! Die Rückerorberung der Stadt“. Hier zeigten die gezeigten internationalen Projekte, was Urbanität und Mobilität auch bedeuten können:

Der öffentliche Raum und damit der Straßenraum soll zur Nutzung für Alle neu geordnet und seine Flächen so verteilt werden, dass eine sichere, bequeme und ausgewogene Mobilität für alle Menschen, die unterwegs sind, möglich wird. Dies sollte im Einklang entstehen mit Grünräumen und einer Architektur, die sich zu städtebaulichen Ensembles zusammenfügt. Die Ausstellung dokumentierte, wie eine Stadtentwicklung aussehen kann, die in Zukunft noch mehr Menschen auf das Rad lockt – und wirbt mit Projekten aus aller Welt für diese sanfte Rückeroberung der Stadt. Und sie zeigte, wie der Weg zu einer nachhaltigen und sozialen Stadt auch über die Planung für eine fahrrad-gerechte Stadt führen kann.

Schnell wird klar, dass Drive-Ins alleine nicht bewertet werden können, auch wenn sie in der aktuellen Zeit Sinn zu machen scheinen. Die gesamte Entwicklung muss kritisch betrachtet werden. Handelt es sich nur um ein temporäres Phänomen oder ist es ein Trend, der sich etablieren und aus dem heraus sich eine neue Typologie entwickeln wird? Dabei geht es nicht allein um die Drive-Ins, sondern um ein Zusammenspiel einer sich verändernden Mobilität in Zeiten von Kontaktsperre und Klimawandel. Ein Beispiel ist dabei die Neuerfindung der Raststätten, die aufgrund der langen Ladezeiten für E-Autos den Fahrern neue Angebote und eine verbesserte Aufenthaltsqualität bieten müssen. Es geht um das Neudenken von innerstädtischen Shoppingcentern, Bibliotheken oder auch Banken und aktuell um solche temporären Erscheinungen wie Corona-Teststationen und ähnliches.

Für die Ausstellung suchen wir gelungene Realisierungen und Konzepte von Drive-In-Angeboten, aber auch Visionen und Zukunftsideen. Wenn Sie in diesem Zusammenhang etwas gesehen oder sogar selbst entworfen haben, schicken Sie uns gerne Informationen zum entsprechenden Projekt an ait-dialog@ait-online.de.

 

Einen Beitrag über neue Formen der Gastronomie in Zeiten von Corona finden Sie hier

 

 

AIT-Dialog/Curators