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Nadogradnje

Nadogradnje
Urbane Selbstregulierung in post-jugoslavischen Städten

Ausstellungsdauer: 27. Januar – 2. März 2017

Die Ausstellung „Nadogradnje“ im AIT-ArchitekturSalon Hamburg zeigt noch bis zum 2. März 2017 die dokumentarfotografische Arbeit des Kölner Architekturfotografen Gregor Theune zum urbanen Phänomen informeller Dachaufstockungen im ehemaligen Jugoslawien. Gemeinsam mit dem Gestalter Sven Quadflieg hat er das gleichnamige Buch herausgegeben, das diesen Prozess aus dem Blickwinkel verschiedener Wissenschaftsdisziplinen untersucht.

Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung am 26. Januar 2017 führten die Herausgeber Gregor Theune und Sven Quadflieg gemeinsam mit dem Verlagsleiter von M BOOKS Michael Kraus in die Ausstellung ein. Anschließend sprach Monika Grubbauer, Professorin an der HafenCity Universität Hamburg, in ihrem Vortrag über aktuelle Perspektiven und Herausforderungen informeller Stadtentwicklung. Sie beleuchtete den Stand der Debatte um Stadt und Informalität an der Schnittstelle zwischen Architektur, Planung und sozialwissenschaftlicher Stadtforschung. Ziel war es das Phänomen der in der Publikation und Ausstellung dokumentierten Nadogradnje im Kontext dieser wissenschaftlichen Debatte zu verorten.

Kritisch hinterfragt wurde, welche Bedeutungen und Konzepte von Informalität gegenwärtig zirkulieren. Die intensive Auseinandersetzung mit den informellen Strategien des Selbstbaus und der Selbstorganisation eröffnet gegenwärtig neue Handlungsspielräume in Architektur und Planung. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass damit auch eine Ästhetisierung und Kommodifizierung der Räume und Praktiken städtischer Informalität in den Metropolen des globalen Südens gefördert werden. Dies veranschaulichte Monika Grubbauer anhand von Einblicken in eigene Forschungen zu informellen Siedlungen und Selbstbau in Ecatepec, Mexico City.

 

Hintergrund zur Ausstellung

Das Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens und der überaus schnelle städtebauliche Wandel der Region seit den 1990er Jahren war in der jüngeren Vergangenheit wiederholt Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Mit einem Fokus auf die als „Nadogradnje“ bezeichneten informellen Dachaufbauten in Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Serbien, im Kosovo und in Mazedonien fügt die dokumentarfotografische Arbeit von Gregor Theune und das aus ihr hervorgegangene Buch dieser Diskussion eine neue Dimension hinzu.

Der AIT ArchitekturSalon präsentiert diese Arbeit in beeindruckenden großformatigen Abzügen nun erstmalig in Hamburg. Gregor Theune zeigt sich begeistert: „Die Erkundung des Stadtraumes, das physische Erfahren der Orte und das verhältnismäßig langsame Arbeiten mit einer Fachkamera sind für mich immer auch ein Akt der Aneignung und damit wichtiger Teil einer weiteren inhaltlichen Auseinandersetzung. Ich freue mich sehr, dass wir das Ergebnis dieses Prozesses nun sowohl als Buch als auch in einer Ausstellung präsentieren können“.

Die „Nadogradnje“ zeigen Strategien für eine Resilienz des Wohnungsbaus auf. Es sind zumeist niederschwellige Low-Tech-Verfahren jenseits staatlich reglementierter Planung, die jedoch ein Bewusstsein für sich im Laufe der Lebensdauer eines Gebäudes ändernde Bedingungen und Anforderungen in sich tragen und dafür nachhaltige Lösungen suchen.

„Die Aufbauten sind dabei schon historisch im architektonischen Gedächtnis der Region verankert und bieten daher eine besonders eindrückliche und spannende, weil immanente Reaktion auf die rasante urbane Entwicklung der Region während ihrer Transformation von sozialistischen Plan- zu neoliberalen Marktwirtschaften“, so Mit-Herausgeber Sven Quadflieg. Sie zeigten so, wie im Bereich des Wohnens Einflüsse von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu neuen Formen architektonischer Ordnung führen.

In den Jahren 2010 bis 2014 ist Gregor Theune wiederholt in die Region gereist, um die fotografische Näherung an das Phänomen der Dachaufstockungen zu erarbeiten. 29 mit analoger Großformattechnik aufgenommene Ansichten bilden nun den visuellen Hintergrund des beim Weimarer Architekturbuchverlag M BOOKS erschienenen Buches „Nadogradnje – Urban Self-Regulation in Post-Yugoslav Cities“, der zugleich Dokumentation und erste Interpretation ist.

Der Verleger Michael Kraus erläutert: „Die Fotografien sind gleichberechtigter Beitrag neben einer Reihe wissenschaftlicher Beiträge im Buch, die das Prinzip „Nadogradnje“ aus den spezifischen fachlichen Perspektiven der Architektur, der Stadtforschung, der Soziologie, der Ästhetik und der Philosophie untersuchen“. Anhand dieser Beiträge wird das breite diskursive Feld um die soziale, politische, städtebauliche und nicht zuletzt gestalterische Bedeutung der „Nadogradnje“ vermessen und ein Bedeutungstransfer in globalere Kontexte unternommen.

 


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