Reflections

Der niederländische Architekturkritiker Hans Ibelings lässt uns an seiner Auffassung der Fassade teilhaben. Im Besonderen setzt er sich im Leitartikel mit der Bedeutung von Reflexionen und Farben auf modernen Oberflächen auseinander.

 

Reflections

von Hans Ibelings

 

Die moderne Stadt ist auch eine Stadt der Spiegelungen und Reflexionen. Materialien wie Glas, Edelstahl und Aluminium, aber auch ein neuer Farbenreichtum prägen die Architektur der Metropolen. Die Spiegelung der Umgebung kann aber auch als abstrakter intellektueller Vorgang begriffen werden, der untrennbar mit der Architektur der Gegenwart verbunden ist.

Die einzige Möglichkeit, die Dinge zu sehen, die uns umgeben, ist die Reflexion und Absorption von Licht. Im Sinne von Le Corbusiers berühmter Definition der Architektur als „das kunstvolle, korrekte und großartige Spiel der unter dem Licht versammelten Baukörper“ – Kein Licht, keine Architektur.

Es gibt zwei Arten der Lichtreflexion: die diffuse Reflexion, die es uns ermöglicht, Objekte zu sehen – was wir selten Reflexion nennen –, und die spiegelnde Reflexion von Glas, Spiegeln und glänzenden Oberflächen. Letztere beschränkte sich jahrhundertelang auf die Architektur der Mächtigen und Reichen: verspiegelte und goldbemalte Räume in Palästen sowie mit Blattgold bedeckte Dächer und Kuppeln von Kirchen. Erst in jüngster Zeit ist die spiegelnde Reflexion zu einem alltäglichen Aspekt der gebauten Umwelt geworden (wenn man das Wasser aus der Diskussion ausklammert).

Vor der allgemeinen Verfügbarkeit von Glasscheiben und metallischen Lösungen hatten Gebäude selten eine reflektierende Außenhaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Spiegelung das Stadtbild jedoch dramatisch verändert, da sie zu einem wesentlichen Bestandteil der modernen Architektur wurde. Die Verbreitung von gläsernen Vorhangfassaden, die architektonische Anwendung von einseitig verspiegeltem Glas in Fenstern und Fassaden sowie die vermehrte Nutzung von Metallen aller Art für Fassadenelemente haben das Bild der modernen, hauptsächlich „steinernen Stadt“ grundlegend in eine Stadt der Reflexionen verändert. Jeder, der schon einmal eine gut erhaltene historische Stadt besucht hat, weiß, dass Städte aus Stein, Ziegel und Holz ein anderes Erlebnis bieten als moderne Orte, an denen eher glänzende Fassadenmaterialien vorherrschen, die den Gebäuden oft den Eindruck von Leichtigkeit vermitteln,
sowohl in Bezug auf Farbe als auch Gewicht.

Die Stadt der Reflexionen ist ein paradoxes Nebenprodukt des Strebens der Moderne nach Transparenz, die in den meisten Fällen zu eher intransparenten reflektierenden Baukörpern führt. In architektonischen Darstellungen wird Glas fast immer irreführend so gezeigt, als sei es völlig durchsichtig. In dieser Hinsicht scheint es, dass nur Fotografen und fotorealistische Künstler wie Richard Estes tatsächlich in der Lage sind, Glas als das zu zeigen, was es ist: ein oft stark reflektierendes Material. Aus diesem Grund weichen Fotografen häufig auf Nachtaufnahmen aus, um Architektur transparent darzustellen.

 

Mitte des 20. Jahrhunderts wird die Architektur farbenfroher

 

Stahl, Titan, Zink und Aluminium haben einen weniger zweideutigen Charakter als Glas. Abgesehen von einigen Beispielen aus extrem poliertem Edelstahl, wie dem Vordach von Foster + Partners im alten Hafen von Marseille (2013) oder Anish Kapoors „Bean“ in Chicago (2014), sind Metalle selten perfekt spiegelnd. Ihre Reflexionen sind normalerweise eher wie Moodboards, die den wechselnden Tönen des Himmels folgen. Darüber hinaus haben Metalle nicht nur Gebäude mit einer glänzenden Schutzhülle versehen und damit der gebauten Umgebung silbrig-graue Farbtöne hinzugefügt, sondern sie ermöglichten auch ein ganzes Farbspektrum, da sie leicht mit Farbe beschichtet werden können. Dies ist in den meisten Zusammenhängen so revolutionär wie der Wechsel von Stein zu Glas.

Schon seit sehr langer Zeit wird das Äußere von Gebäuden farbig gestaltet, angefangen bei den keramischen Verzierungen der Tore Babylons bis hin zu den farbenfrohen Putzfassaden der Rokoko-Architektur. Aber es scheint, dass seit Mitte des 20. Jahrhunderts die Archi­tektur immer farbenfroher geworden ist.

Farbe ist in der Regel eine völlig eigenständige Ebene der Gestaltung, unabhängig von den natürlichen Farben des Materials und von strukturellen oder programmatischen Überlegungen. Diese Freiheit macht es den Gestaltern oft schwer, sich zu entscheiden, da praktisch das gesamte Spektrum zur Verfügung steht. Die konsequente Entscheidung für einen einzigen Farbton, wie in Jean Nouvels „Roter Kilometer“ in Bergamo entlang der Autobahn A4, oder die ebenso radikale Entscheidung, die Farben des gesamten Regenbogens zu verwenden, wie es Rogers Stirk Harbour in ihrem Terminal am Flughafen Madrid-Barajas gemacht haben, sind die zwei extreme Möglichkeiten aus einer überreichen Auswahl.

Wenn diese zwei Projekte, die beide inzwischen fast zwanzig Jahre alt sind, hinsichtlich ihrer Verwendung von Farbe entgegengesetzte Pole darstellen, so unterstreichen sie zusammen, dass in der Kultur des 21. Jahrhunderts noch immer eine Idee mitschwingt, die meist mit der Postmoderne der 1980er-Jahre in Verbindung gebracht wird, aber wenig von ihrer Bedeutung („Alles ist möglich“) verloren hat. Wenn auch farbenfrohe Architektur selbst nicht reflektierend ist, so spiegelt sie doch metaphorisch und indirekt eine Welt wider, in der verschiedene Ideen und Ideologien nebenei­nander existieren.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts glaubten Architekten vielleicht noch, dass ihre Arbeit einen einheitlichen Ausdruck der damals noch homogeneren Gesellschaften bieten konnte, auch wenn sich der niederländische Architekt H. P. Berlage um 1900 darüber ereiferte, dass die Gesellschaft für einen einheitlichen Stil seiner Zeit zu sehr im Wandel begriffen war. Er wollte deshalb, dass der Stil – ein Hauptanliegen von ihm und vielen seiner Zeitgenossen – so lange zurückgestellt werden sollte, bis klar war, was genau die Gesellschaft wollte. Seine Lösung bestand darin, vorerst das zu entwerfen, was er als impressionistische Architektur bezeichnete – ähnlich wie die leicht verschwommene Bildsprache der impressionistischen Malerei. Seine 1902 fertiggestellte Amsterdamer Börse ist ein Beispiel für die nüchterne, fast schmucklose Art von Gebäude, die er für den damaligen Zeitpunkt für richtig hielt.

Heutzutage wird sich kaum jemand finden, der glaubt, dass Architektur die Gesellschaft „ausdrücken“ kann, obwohl es innerhalb der Disziplin durchaus üblich ist zu glauben, dass Architektur ein gesellschaftliches Mandat und eine Verantwortung hat, die über die Erfüllung der Wünsche ihrer Bauherren hinausgeht. Architekten betrachten ihr Werk oft nicht nur als ein Werk für die beauftragende Person oder Institution, sondern für die Gesellschaft als Ganzes: für jeden, der es zufällig sieht, daran vorbeigeht, es betritt.

 

Ist die kaleidoskopische Vielfalt der heutigen Architektur Spiegelbild der aktuellen gesellschaftlichen Vielfalt ?

 

Zu glauben, dass es möglich ist, einen einheitlichen Stil für die eigene Zeit zu finden, mag schon zu Berlages Zeiten ein Trugschluss gewesen sein, aber das gilt umso mehr in unserer individualistischen Gegenwart. Kein einziges architektonisches Werk kann der Vielfalt der Gesellschaft gerecht werden. Zusammengenommen kann die kaleidoskopische Vielfalt der heutigen Architektur – von vorsichtiger Bescheidenheit bis zum ikonischen Meisterstück, von innovativen Experimenten bis zu nostalgischen Nachbauten von Vergangenem, das vielleicht nie existiert hat – jedoch als Spiegelbild einer aktuellen gesellschaftlichen Vielfalt interpretiert werden. Es wäre allerdings falsch anzunehmen, sie sei ein perfekter Spiegel. Die derzeit sehr dringende Diskussion über die Abwesenheit, Unterrepräsentation und Unterdrückung von Menschen, die hinter Akronymen wie BIPOC (Black, Indigenous, People of Colour), BAME (Black, Asian and Minority Ethnic) und LGBTQ+ (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender/-sexual, Queer/Questioning and Other) stehen, macht deutlich, dass die Architektur trotz ihrer formalen Vielfalt nur ein verzerrtes Fragment eines Gesellschaftsbildes wiedergibt, viele Menschen jedoch unsichtbar, nicht anerkannt, falsch repräsentiert und diskriminiert zurücklässt. Wie in der Vergangenheit ist es auch heute noch ein Privileg der Mächtigen und Reichen, widergespiegelt zu werden. Letztlich bietet die Architektur auch andere metaphorische Reflexionen. Im Idealfall sind Gebäude die Gegenform zu den Ideen und Absichten ihrer Schöpfer, und in diesem Sinne ist es vielleicht nicht unbedeutend, dass man häufig sagt, dass Architekten an Projekten arbeiten. „Projizieren“ und „Reflektieren“ sind eng miteinander verbunden, denn sie werfen etwas vor und zurück. Architekten projizieren Ideen, Visionen und Ambitionen und ihre Gebäude werfen diese zurück.

Ohne meinen eigenen Beruf wichtiger machen zu wollen, als er ist, neige ich dazu zu glauben, dass Architekturkritik eine weitere Schicht auf diesen Spiegelpalast projizieren kann. Kritiker sind nicht nur darin geschult zu erkennen, wie Gebäude die Absichten ihrer Erbauer materialisieren und wie sie Spiegel der Gesellschaft sein können, sondern zusammen mit ihren
Bewertungen werfen Kritiker ihre eigenen Vorstellungen, Vorurteile und ihre Voreingenommenheit auf die von ihnen betrachtete Architektur. Daher erzählen Kritiken oft genauso viel über die Kritiker wie über die Objekte ihrer Kritik.

 

 

Hans Ibelings (*1963 in Rotterdam)

…ist Architekturhistoriker und -kritiker. Ibelings lehrt an der Universität von Toronto und ist Herausgeber und Verleger von „The Architecture Observer“ (Montreal / Amsterdam). Gegenwärtig arbeitet er an „A Global Warming History of Modern Architecture“.

 

 

Fotos: Urheber