Nachbericht – Dialog nach 6 // virtuell – Emotion und Funktion

Ein vielschichtiger Vortragsabend mit Gesa Rohwedder (Head of Hospitality bei Drees & Sommer), Peter Ippolito (Geschäftsführender Gesellschafter der Ippolito Fleitz Group) und Barbara Holzer (Gründungspartnerin von Holzer Kobler Architekturen).

Auf den Veranstaltungen der neuen Reihe „Dialog nach 6“ diskutieren internationale Gäste je eine Fragestellung der Baukultur und beleuchten diese in Kurzvorträgen. Die fünfte Veranstaltung fand am 16. Februar 2021 um 18 Uhr statt. Unter dem Motto „Emotion und Funktion“ stellten die Referent*innen in ihren Kurzvorträgen interessante Projekte rund um die vielfältigen Aspekte der Oberfläche vor.

Den Anfang macht Peter Ippolito mit seinem Vortrag „Deep Skin“ und betont zu Beginn: „Material ist, wie Licht, eine der wesentlichen Ebenen, in der Raum eine Identität bekommt, erfahrbar wird und eine Aussage gewinnt.“ Um dabei erlebnisoffene Räume zu schaffen, die eine Lesbarkeit auf vielen Ebenen ermöglichen, verzichtet die Ippolito Fleitz Group in ihren Projekten auf stringentes „Story-Telling“, sondern möchte es ermöglichen mit dem gezielten Einsatz von Materialitäten, vielfältige Nutzungskonzepte innerhalb eines Raumes umzusetzten und die Überlagerung von Identitäten zuzulassen. Dies wird deutlich am Beispiel einer Firmenkantine, an die heutzutage der Anspruch gestellt wird, nicht mehr rein der Mitarbeiterverpflegung zu dienen, sondern ebenso ganztägig als Treffpunkt, Kommunikations- und Eventbereich zu fungieren und auch von Personen außerhalb des Unternehmens frequentiert werden soll. So entwickelt das Projekt Strahlkraft ins Innere des Unternehmens, aber repräsentiert auch nach außen.

Ein ähnlicher Ansatz zeigt sich auch bei einem Ressorts, das die Ippolito Flitz Group in Brandenburg gestaltet: es verschließt sich nicht nach außen, sondern greift einerseits die baulichen Strukturen des dörflichen Standortes auf undsoll andererseits auch in diese eingebunden werden. In den öffentlichen Bereichen des Ressorts, zu denen auch ein Freiraum gehört, der an den Dorfplatz angelehnt ist, sollen sich Anwohner und Gäste gleichermaßen aufhalten und die Einrichtungen nutzen können.

Die zunehmende Flexibilität und Diversifizierung von Beherbergungskonzepten mit einer Vermischung von Funktionen und den damit einhergehenden veränderten Anforderungen an die Gestaltung von Hospitality-Projekten, stellt Gesa Rohwedder in ihrem Vortrag „Blended Living“ in den Fokus. Insbesondere beschleunigt durch die Corona-Pandemie wird Schlafen auch in Hotels immer mehr zur Nebensache, öffentliche Bereiche rücken in den Mittelpunkt. Es findet eine zunehmende Verschmelzung der Definition von Hotel, Arbeitsumgebung, Wohnen und Urlaub statt und auch sie beobachtet die Tendenz hin zu einer stärkeren Einbindung von Living- und Working-Konzepten in das jeweilige Quartier.  Gleichzeitig steigt der Designanspruch bei sämtlichen (temporären) Wohnformen deutlich und muss mit den funktionalen Anforderungen unbedingt einhergehen. Der Trend zur Um- und Mehrfachnutzung von Räumen beinhaltet jedoch nicht nur multifunktional angelegte und gut gestaltete Konzepte, sondern weiterhin auch hohe Ansprüche an ressourcenschonende und nachhaltige Materialien und Nutzungen.

Die komplexen emotionalen Auswirkungen der Wahl von Oberflächen beschreibt Barbara Holzer: „Wie wenig braucht es eigentlich, dieses sinnliche Erlebnis von Material spürbar zu machen? […] im Zusammenhang mit allen Sinnen, also wie wir Material fühlen, wie es haptisch ist, aber auch wie wir es hören, wenn zum Beispiel jemand über einen Steinboden geht, oder wie es riecht, wenn man in einer Holzstube ist. Das Olfaktorische ist ein ganz wesentlicher Punkt und bestimmt daher auch, wie sich Räume dadurch verändern können.“ Häufig kommen diese Gedanken bei Holzer Kobler Architekturen in der Gestaltung von (temporären) Ausstellungen zum Tragen. Hier müssen die Architekt*innen oft mit dem bereits vorhandenen Setting umgehen, unterschiedlichste Bestandsmaterialen, Maßstäblichkeiten und Nutzungsspuren berücksichtigen. Gleichzeitig sollen sich diese, zusammen mit neu hinzugefügten Oberflächen, zu einem stimmigen Hintergrund für die Objekte der Ausstellung zusammenfügen und deren Aussagen im Gesamtzusammenhang zu stärken. Die Vielschichtigkeit dieser Aufgabe unterstreicht Barbara Holzer mit einem Zitat von Umberto Eco: „Schönheit ist immer mehr als die Oberfläche.“

Dieses Credo zeigt sich auch in der Gestaltung ihres eigenen Wohnhauses: mit Betonfertigteilen und rohem Stahlblech wurden bewusst Materialien eingesetzt, die keine Veredelung erfahren haben, jedoch in Kombination mit roten Vorhängen auch in Wohnräumen gut funktionieren. Mit dem Kontrast von bewusst einfachen, funktionalen Materialien und dem weichen Element der Vorhänge, die Räume flexibel teilen, öffnen, schließen und inszenieren, wurde die Zusammenführung von Funktion und Emotion erreicht, die auch in der anschließenden angeregten Diskussion mit allen Referent*innen weiter ausgeführt wurde.

Die Aufzeichnung der gesamten Veranstaltung können Sie auf YouTube abrufen.

 

In Kooperation mit: