Blog Interior Scholarship

Bastian Feltgen

Letztes Semester habe ich ein architektonisches Konzept untersucht, welches sich mit historischen Architekturen beschäftigt, die unter dem Druck sozialer Entwicklung ihre eigentliche Funktion verlieren. Inspiriert durch den Kontext und die miteinander zusammenhängende Entwicklung von Form, Funktion und Nutzer ist ein Raum entstanden, der versucht die momentane Entwicklung zu unterstützen und die als historisch und nicht mehr zeitgemäß eingeschätzte Architektur anzupassen.

Wie schon in einem meiner ersten Blog-Einträge erwähnt entstand die Idee dieser Arbeit während der ersten Auseinandersetzung mit dem Gebiet um den Friedhof Assistent Kirkegård in Nørrebro, Kopenhagen. Unter dem Druck sozialer Entwicklungen wurden viele Räume in diesem Gebiet neu definiert und an aktuelle Lebensstile und moderne Ideologien angepasst. Angrenzende Kirchen wie Hellig Kors Kirke, Brorsons Kirke und Blågårds Kirke haben ihre Funktion entweder völlig verändert oder versuchen sich an die stattfindenden Entwicklungen anzupassen. Somit finden in diesen alt religiösen Räumlichkeiten nicht nur Messen, sondern auch Konzerte, Übernachtungsmöglichkeiten für Obdachlose sowie kulturelle Events statt.

Doch nicht nur die angrenzenden Kirchen, sondern auch der um 1760 gegründete Friedhof Assistent Kirkegård ist alles andere als ein normaler Ort der Bestattung, Trauer und des Gedenkens. Anfangs noch außerhalb der Stadtmauern gelegen hat Kopenhagen im Laufe der letzten Jahrhunderte den Friedhof vollkommen umschlossen. Obwohl heutzutage noch immer Bestattungen in gewissen Bereich des Friedhofs stattfinden, wird dieser schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch als Naherholungsgebiet genutzt. Der Zusammenhang von sozialem Wandel und die dadurch entstandene Koexistenz von Funktionen in diesem Areal ist Inspirationsquelle für die vorangegangene, sowie kommenden Entwurfsaufgabe.
Letztes Semester ist somit eine kleine Bibliothek mit anliegenden Leseraum entstanden, die inspiriert durch die vorherrschenden Funktionen und sozialen Veränderungen in Nørrebro (speziell in und um den Friedhof Assistent Kirkegård) die Funktion der Friedhofsmauer erweitert. Das kulturelle Erbe, die atmosphärischen Qualitäten und die Identität, die in der bestehenden Architektur und den angrenzenden Kontexten vorhanden ist, sind wichtige Bestandteile und wesentlich zu erhalten.
Innerhalb des kommenden Semesters werde ich unter Berücksichtigung der Ergebnisse des letzten Semesters das Projekt fortführen und das entstandene Programm erweitern. Von der Mauer als Teil von Assistens Kirkegård hin zum ganzen Friedhof. Die Idee ist es mehrere Miniaturarchitekturen zu entwerfen, die die unterschiedliche Nutzung des Friedhofs unterstützen. Anhand dieser Interventionen möchte ich hierbei insbesondere neben den Bereichen der Erholung auch die Funktionen des Friedhofs mit einbeziehen.
Während der Fokus architektonisch auf den Miniaturarchitekturen und deren Ausarbeitung liegen wird, werde ich mich mit der Frage beschäftigen inwieweit religiöse Institutionen, in der aktuellen politischen Entwicklung, in der Lage sind die gefährdeten Infrastrukturen unserer Sozial- und Wohlfahrtstaaten zu unterstützen.
Der Beginn des zweiten Semesters galt der Aufarbeitung des vorangegangenen Entwurfs und der damit verbundenen Entwicklung einer Idee, wie sich dieses Projekt im kommenden Semester weiterführen lässt. Im Vergleich zum vorherigen Semester liegt der Schwerpunkt im Frühling auf der architektonischen Ausarbeitung – da davon ausgegangen wird, dass wir uns im letzten Semester genügend theoretischen Hintergrund angeeignet haben, der nun eine architektonische Form bekommen soll. Auch wenn das Programm relativ viele Freiheiten mit sich bringt, wir kaum Vorlesungen oder Seminare haben, so gibt es doch immer wieder kleinere, entwurfsbegleitende Aufgaben, die uns bei unserer Konzipierung einen bestimmten Fokus vorgeben. Solch kleine „Briefs“ sind ein wesentlicher Bestandteil des Programms und hilfreich für einen gemeinsamen Diskurs im Studio. Beispielhaft für diesen Ansatz sind die letzten drei Wochen. Hierbei wurden wir gebeten uns nicht auf den gesamten Entwurf zu konzentrieren, sondern sollten uns ein Detail aussuchen, um dieses dann in den Werkstätten im Maßstab 1:5 bis 1:1 zu studieren.
Die Frage nach einer angemessenen Materialität, die in der Lage ist die historisch gewachsene Identität, sowie die moderne Interpretation auf ähnliche Art und Weise zu repräsentieren hatte mich schon letztes Semester beschäftigt. Somit entschied ich mich den Fokus vom Detail auf die Materialität zu verschieben um genau dies zu untersuchen. Entstanden ist hierbei ein Betongemisch, welches durch die Integration von Zuschlägen, entnommen aus der existierenden Architektur, einen Terrazzo ähnlichen „Look“ erhält. Dachziegeln und Ziegelsteine sind die Hauptzuschläge, welche in drei verschiedene Aggregatgrößen zerkleinert werden. Dadurch entstehen nicht nur Zuschläge, sondern auch Pigmente welche dem Zement neben gesprenkelten Oberflächen auch eine an die existierende Architektur angelehnte, flächendeckende Farbe verleiht. Entstanden sind im Endeffekt sechs verschiedene, homogene Betongemische – drei mit Zuschlägen aus dem Dachziegel und drei mit Zuschlägen aus dem Ziegelstein. Gemixt mit zwei verschiedenen Zementsorten ist ein heterogener Stein entstanden, dessen Nutzung ich in den kommenden Wochen nun erörtern werde.

Interior Scholarship – das AIT-Stipendium der Sto-Stiftung

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Bastian Feltgen

Blog Interior Scholarship
April 2019
Blogger Bastian Feltgen

Die Zeit vergeht gefühlt wie im Flug – und auf einmal ist 2018. Ein paar Tage nach meinem vorherigen Blogeintrag hatten wir unsere letzte Zwischenpräsentation und wieder einmal waren wir größtenteils damit beschäftigt, die Arbeit der letzten Monate zusammenzustellen und präsentationsfähig zu machen. Es ist interessant zu sehen wie unproduktiv man sich fühlt, wenn man immer wieder aufgehalten wird, um Ideen und gesammelte Informationen für den Moment zu präsentieren. Nichtsdestotrotz lief die Präsentation gut und wenn ich drüber nachdenke, war es vielleicht gar nicht so schlecht, die Arbeit der letzten Monate noch mal zusammenzufassen. Die nach der Präsentation aufkeimende Entwurfs-Euphorie wurde jedoch durch einen im Semesterplan integrierten Workshop unterbrochen. Wie im letzten Blogeintrag erwähnt, bearbeiten wir eine semesterübergreifende Entwurfsaufgabe, die von drei fünftägigen Workshops mit den Themen Tektonik, Geschichte und Anthropologie begleitet wird. Nachdem wir in den vergangenen Monaten die Workshops in Geschichte und Anthropologie absolviert hatten, wartete nun der Tektonik Workshop auf uns. Im folgenden Beitrag möchte ich etwas detaillierter auf diesen Workshop eingehen und einen kleinen Einblick in die dort gemachten Erfahrungen geben.

Bastian Feltgen

Blog Interior Scholarship
April 2018
Blogger Bastian Feltgen

Zwei Jahre nach meinem Bachelorabschluss in Architektur und Stadtplanung an der Universität Stuttgart, habe ich im September 2017 den Master in Spatial Design an der Royal Danish Academy of Fine Arts in Kopenhagen begonnen. Die Möglichkeit sich als Design-, Innenarchitektur- oder Architekturabsolvent für diesen Master zu bewerben, schafft ein interessantes Fundament für zukünftige Kollaborationen zwischen Studenten mit unterschiedlichen Herkünften und Hintergründen. Das Bestreben des Programms voneinander zu lernen, zu kollaborieren und von den unterschiedlichen Hintergründen zu profitieren, wurde nach den ersten Veranstaltungen deutlich und ist nach wie vor der rote Faden, der sich bis heute durch das Programm zieht. Gruppenarbeiten werden so organisiert, dass jeweils eine gesunde Mischung aus Designern und Architekten sowie dänischen und internationalen Studenten besteht: Dies führt immer wieder zu interessanten Diskussionen und unerwarteten Ansätzen.