DIVERSITY – Bedingungen für Vielfalt

Die LECTURES der Sonderschau Interior.Architecture.Hospitality by Heimtexil stehen in diesem Jahr unter dem übergeordneten Thema „VIELFALT/DIVERSITY“. Dabei geht es um die Vielfalt auf unterschiedlichen Ebenen von Architektur, Innenarchitektur und Design am Beispiel von Bibliotheken (7.1.2020), Wohnformen (8.1.2020), Hotels (9.1.2020) und Perspektiven der New Generation (10.1.2020). Der Autor Friedrich von Borries beschreibt die Bedeutung des Begriffs Vielfalt für Architektur, Innenarchitektur und Design.

Kann man „Vielfalt“ planen? Ich glaube eher nicht. Denn wie etwas genutzt wird, entscheiden nicht  Planer, Architekten und Designer, sondern die Benutzer. Aber man kann Bedingungen schaffen, die Vielfalt verhindern – oder welche, die Vielfalt ermöglichen.

Uneinheitlichkeit

Es liegt auf der Hand – Einheitlichkeit fördert nicht Vielfalt. Betrachtet man aber den gegenwärtigen Wohnungsmarkt, sieht man eine große Einheitlichkeit. Der dominante Wohnungsgrundriss ist die 4-Personenfamilie und die Single-Wohnung. Für alternative Lebensmodelle gibt es wenig Angebote. Eine der wenigen Ausnahmen ist die Kalkbreite, ein 2014 in Zürich fertiggestellter genossenschaftlicher Wohnungsbau. Hier gibt es nicht nur die „Standard“-Wohnung, sondern eine Vielzahl von unterschiedlichen Angeboten: Neben klassischen Wohnungen für Pärchen und Kleinfamilien gibt es dort auch Wohnungen mit 17 Zimmern für WGs sowie kleine Studios für Singles, die in Clustern um eine gemeinsame Küche angesiedelt sind. Und wem das noch nicht reicht: Es gibt auch einen Superhaushalt mit 20 Wohnungen und gemeinsamer Großküche samt Koch.

 

Unfertigkeit

Ein anderes Instrument, Vielfalt zu ermöglichen, ist die Unfertigkeit. Unsere Kultur tendiert dazu, alles zur Perfektion zu treiben. Das lässt wenig Raum für Offenheit. Die entsteht aber automatisch, wenn man Projekte in einem Stadium der Unfertigkeit belässt – und so den Benutzern die Möglichkeit lässt, sie nach den eigenen Bedürfnissen zu Ende zu führen. Berühmtes Beispiel dafür ist das Projekt „Quinta Monroy“ des chilenischen Architekten Alejandro Avarena. Dieser Sozialwohnungsbau in Chile ist auf 3 Stockwerke ausgelegt, doch bei Fertigstellung 2003 waren die oberen beiden Stockwerke nur auf der Hälfte der Bebauungsfläche ausgeführt. So ergab sich nicht nur eine interessante räumliche Struktur, die an die Zinken eines Kammes erinnert, sondern auch ein Freiraum für die Nutzer. Inzwischen sind die Lücken gefüllt, und bilden eine belebenden Gegensatz zur strengen Grundstruktur. Die Fertigkeit der Unfertigkeit schein nun auch in die deutsche Planungskultur einzuziehen, wovon Projekte wie das im Rahmen der IBA Hamburg von BeL Architekten 2013 realisierte „Grundbau und Siedler“ zeugen: Hier wurde, in Anlehnung als das Domino-Prinzip von Le Corbusier, nur die mehrstöckige Grundstruktur gebaut, die zukünftigen Eigentümer bekamen ein Handbuch, mit welchen Materialien und Techniken sie ihre eigenen Fassade und ihre Innenausbauten selbst fertigstellen konnten.

 

Unbestimmtheit

Zu den Bedingungen für Vielfalt gehört eine weitere Tugend: Die Unbestimmtheit. Architekten, Planer und Designer müssen nicht alles wissen und festlegen. Wie sinnvoll Unbestimmtheit sein kann, zeigt sich an der Debatte um gendergerechte Toiletten. Brauchen öffentliche Bauten Toilettenräume für das „Dritte Geschlecht“ oder Transgender-Personen? Wenn ja, wieviele? Dieser Weg in die Hyperfunktionalisierung ist eine Sackgasse, und der umgekehrte Weg in die Unbestimmtheit viel effektiver. An die geschlechtsspezifische Zuschreibung tritt dann die praktische Information, wo sich WC, Urinale und Wickelräume befinden – und die Benutzer entscheiden selbst, wie sie welche Räume  benutzen. Natürlich erfordert Umbestimmtheit zuweilen auch eine Mehraufwand. Um beim Toilettenbeispiel zu bleiben: An die Stelle der freistehenden Urinale treten Urinale in Kabinen, und Frauen, die Menstruationstassen benutzen, freuen sich über ein WC, in dessen Kabine auch ein Waschbecken ist.

 

Unwissenheit

Voraussetzung für all das ist, das sich Planer, Architekten und Designer ihre eigene Unwissenheit eingestehen. Denn alle drei beschriebenen Bedingungen von Vielfalt beruhen auf dem Eingeständnis, etwas nicht zu wissen: Uneinheitlichkeit ist das Eingeständnis, das es viele Wege zum Glück gibt, Unfertigkeit das Eingeständnis, das die Nutzer die besten Experten für ihre Bedürfnisse, Wünsche und Fantasien sind, und Unbestimmtheit das Eingeständnis, das alles dann doch noch ganz anders kommen kann.

 

Prof. Dr. Friedrich von Borries (*1974)

… ist Architekt und seit 2009 Professor für Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, agiert in den Grenzbereichen von Stadtentwicklung, Architektur, Design und Kunst. In Berlin betreibt er seit 2009 das „Projektbüro Friedrich von Borries“. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht das Verhältnis von Gestaltung und gesellschaftlicher Entwicklung. »Als Wissenschaftler versuche ich, die Welt zu verstehen. Als Gestalter versuche ich, diese Welt zu verändern. Deshalb setze ich mich forschend und entwerfend mit den politischen Fragen auseinander, die unsere Gegenwart bestimmen: Möglichkeiten gesellschaftlicher Transformation in Zeiten von wachsender ökonomischer Ungleichheit, Umweltzerstörung und Klimawandel, Überwachungstechnologien und antidemokratischer Sicherheitspolitik. Zuletzt erschien 2019 (mit Benjamin Kasten) „Stadt der Zukunft. Wege in die Globalopolis“ im Fischer Verlag.

www.friedrichvonborries.de

 

 

 

Die Messe Heimtextil findet vom 7. – 10. Januar 2020 in Frankfurt am Main statt.

Mehr Informationen über die Messe und das von AIT-Dialog konzipierte Sonderprogramm Interior.Architecture.Hospitality:
www.heimtextil.de/iah

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Fotos: Jun Igarashi Architects