Eine Frage an… „Nennt uns euren ‚Kiosk‘!“

„Nennt uns euren ,Kiosk‘!“
Architektonische Alltagsjuwele und Orte der Begegnung

 

Kurz vor Ostern haben wir erstmals in unseren Newsletter-Formaten Architektinnen und Architekten darum gebeten, uns Orte zu nennen, die sie gerade in Zeiten von Corona in einem neuen Licht sehen. Wo kann auch im Moment soziales Leben stattfinden? Wo kann der Passant Kraft tanken? Die Einreichungen werden im Blog AIT-Dialog und in einer Ausstellung präsentiert. Hier stellen wir vorab einige Beispiele vor, die Mut machen. Diese architektonischen Alltagsjuwele sollen inspirieren, den eigenen Kiosk in der urbanen Landschaft zu finden, der räumliche Veränderungen im Stadtraum deutlich macht.
Ihre Ideen und Anregungen schicken Sie bitte an hamburg@ait-architektursalon.de

 

Dionys Ottl, Hild und K Architekten, Berlin

„Unsere Politik spricht viel von „ der Zeit danach“ und davon, wen wir jetzt und hier unterstützen müssten, um später an das anzuknüpfen, was vorher war. Ich meine zu verstehen, dass damit insbesondere Konsum, Konzerne und namentlich die Automobilindustrie als Motoren für ein „neues Wirtschaftswunder“ gemeint sind.

Was dagegen völlig aus dem politischen Gesichtsfeld verschwindet, ist beispielsweise die Kultur: Unsere/meine wichtigsten Antriebskräfte und Lichtblicke speisen sich aus der Kreativität von Kunst- und Kulturschaffenden in der ganzen Welt. Ausstellungen, Museen, Schauspiel, Konzerte, Musik, Clubs sind Krafttankstellen. Diese Eindrücke und Ereignisse treiben den Motor an, den wir ganz dringend brauchen werden in der  „Zeit danach“. Sie sind es, die mir jetzt und hier ungeheuer fehlen. Auf den Straßen, Plätzen, in den Ecken  oder  Institutionen, überall!  Künstlerinnen und Künstler sind den Konzernen weit voranzustellen.  Für unser gemeinsames Morgen darf die Politik unter keinen Umständen zulassen, dass sie heute noch mehr als sonst um ihr Überleben kämpfen oder gar aufgeben müssen! Wollen wir sehr hoffen, dass man sich da ganz schnell besinnt – und bitte: Pflegt und hegt auch diejenigen, die uns nicht nur nach dem Mund reden, singen, malen, zeichnen, bildhauen oder sonst was leisten, sondern unbequem bleiben!

Ein klein wenig befriedet meinen Kulturhunger derzeit ein Ort, der ganz ähnlich funktioniert wie ein Kiosk: Die ehemalige öffentliche Herrentoilette des Münchener Großmarktes wurde schon vor einiger Zeit vom Team um Anja Uhlig als frei bespielbarer Raum beseelt. „Das KloHäuschen“ hat zwar seine bisherige Aufgabe als Männer-Pissoir aufgeben müssen, doch seine Physiognomie behalten. Nun ist es ein Ort für Kultur geworden, inzwischen sogar mit Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München. Der Ort, den ich mir ausgesucht habe,  ist also nicht neu, wird es aber immer wieder.

Wie die Berliner Spätis ist er jeder- und auch derzeit 24 Stunden / 7 Tage die Woche für unsere Daseinsvorsorge präsent. Solange unsere Museen und Theater und die vielen anderen Orte für Kultur geschlossen bleiben und das Kontaktverbot zu Kunst und Kultur aufrechterhalten wird, bleibt mir zumindest „Das KloHäuschen“ für den Kleinen Kulturhunger. Danke KloHäuschen! Mehr denn je!!

www.hildundk.de

Margit Sichrovsky, LXSY Architekten, Berlin

„Meine Version eines COVID-KIOSKS: in den Grünanlagen, in der Strasse und im Haus. Elemente, die eine neue Bedeutung gewonnen haben. Und die etwas mit Austausch zu tun haben, seien es ausrangierte Dinge, Backzutaten, Spiele oder einfach nur kleine Sätze und ein Lächeln.“

Die Stichworte lauten zum Beispiel:
#distanceplay
#myneighbourhoodismykiosk
#sharingeconomy
#renovationcleanout

www.lxsy.de

Dorothee Maier, meierei Innenarchitektur I Design, München

„So ein Kiosik ist auch immer ein Stückchen Anarchie: ein willkürliches Angebot gepaart mit Öffnungszeiten, wie sie dem Kiosk-König gefallen. Unser absoluter Favorit ist auch ein Bruch mit der Normalität des Geregelten, des Festinstallierten und des Geldes. Alles andere als gestylt und designed und vermutlich genau deshalb eine Erlösung aus den Wichtigkeiten des Chic-shiny-highgloss-Leben! Zumindest atmen wir immer unfassbar auf, wenn es uns von München an den Ammersee nach Herrsching spült. In mitten der glattgebügelten Uferpromenade protzt die „Bayrische Brandung“ mit Protest. Und genauso wird sie von ihren Gästen geliebt: die Bude am Seeufer, mit all dem zusammengewürfelten Krimskrams an Dekoliebelei und Fundusmöbeln. Wenn was aus ist, ist es einfach aus – solange was da ist, wird mit vollen Händen ausgeschenkt und ausgegeben. Die Jungs und Mädels hinter der „Theke“ baden in Musik und machen ihr Ding. Echte Kiosk-Könige. eben! Mit ihrer Zufriendehit und guten Laune übersteigen die good Vibes alles Unaufgeräumte und Unperfekte. Ein richtig „schöner Kiosk“ wäre völlig fehl im Paradies am Ammersee, denn gegen diese Aussicht hast du eh keine Chance!
Sehnssüchtige grüße aus der meierei – auf dass bald wieder Hof gehalten wird am Ammersee !
Das Leben ist doch zu kurz, um einen Sommer zu vertrödeln!“

www.meierei.org

Ralf Pasel, Pasel-K Architects, Berlin und Rotterdam

„Als wir im letzten Jahr mit der Planung der GESUNDHEITSKIOSKE Landengel begannen, war noch nicht zu ahnen, welche besondere Relevanz das Projekt gerade in Coronazeiten erhält. Die Kioske stehen für einen Upgrad der Gesundheitsstruktur im strukturschwachen ländlichen Raum – in diesem Fall Thüringen.“

Das Projekt:

Die Landengel-Stiftung plant den Aufbau eines regionalen Gesundheitsnetzwerks in der Region Seltenrain in Thüringen. Zu den Komponenten des IBA Projektes gehören dezentrale Gesundheitskioske in mehreren ländlichen Gemeinden der Dorf-Region, Sundhausen, Tottleben, Blankenburg, Bruchstedt und Urleben. Als Kontaktstelle für ganzheitliche Gesundheitsfragen konzentriert sich das Projekt nicht nur auf Patienten einer zunehmend alternden Landbevölkerung, sondern auch auf die Bedürfnisse der Dorfbewohner nach Austausch, Beratung und Begegnungsräumen.

www.pasel-k.com

 

Jens Bendfeldt, BHF BENDFELDT HERRMANN FRANKE LandschaftsArchitekten GmbH

„Kioske, was für ein schönes Thema! Ich habe in meiner Sammlung zwei Modelle aus den 1970er-Jahren gefunden.
Dazu war ich im Februar Preisrichter in Goslar: Vor unserem Versammlungsraum entdeckte ich diesen Kiosk.“

www.bhf-ki.de

Freakheads, Hamburg

„Wir, Marcus und Liam Tanzen fertigen gemeinsam die „small vandalism“-Reihe. Wir sind Vater und Sohn und gehen dabei arbeitsteilig vor: Marcus Tanzen, hauptberuflich Architekt, baut in kleinteiligster Handarbeit Relief-artige Fassadenmodelle; Liam Tanzen, Illustrator, bespielt die Wandminiaturen mit Graffiti und Street Art-Elementen.

Die „small vandalism“-Reihe kreiert eine kleine, fiktive Welt. Alle Orte, aber auch alle Tags und Crew-Namen, sind im realen Leben nicht zu finden, sie zitieren allerdings oft Literatur oder Rap und erschaffen so einen authentisch wirkenden Kosmos, der überall stattfinden könnte, es aber nie tut.

Der Kiosk ist von dem Roman „Neue Vahr Süd“ von Sven Regener inspiriert. Es gibt ihn so zwar nicht, könnte aber. Die Atmosphäre passt!“

www.freakheads-hamburg.de

Thomas Vietzke, Vietzke & Borstelmann Architekten, Hamburg

„Mit der Collage Pisse en plein air 2020 möchte ich für angemessenere und höherwertig ausgestattete öffentliche Räume (u. a. Parks)  innerhalb der Hansestadt Hamburg plädieren: Illustriert wird die konkrete Utopie eines öffentlichen „Toilettenkiosks“ in der Nähe des Falkensteiner Ufers. Die Frage der infrastrukturellen Ausstattung dieses spezifischen öffentlichen „Pandemie-Raumes“ ist augenscheinlich – gefordert wird ein besser zugeschnittener und großzügiger öffentlicher Raum, der wie ein architektonisches Immunsystem funktionieren kann. Die Pandemie ist immer auch ein Dichteproblem. Am Falkensteiner Ufer trifft die hohe Besucherfrequenz und Verweildauer auf einen öffentlichen Raum, der nicht dafür ausgestattet ist. Die öffentliche Bedürfnisanstalt am Graben im 1. Wiener Gemeindebezirk Innere Stadt ist die erste unterirdisch errichtete Bedürfnisanstalt (mit Oberlicht) der Stadt und steht unter Denkmalschutz (Listeneintrag). Sie ist die letzte erhalten gebliebene öffentliche Jugendstiltoilette Wiens (Wikipedia) und zugleich eine historische Referenz für eine räumlich attraktive, hygienisch einwandfreie und personell hervorragend ausgestattete öffentliche Toilette.
Die Collage versetzt dieses ,architektonische Juwel‘ des Jugendstils aus dem Stadtzentrum Wiens an die Peripherie in Hamburg.“

www.vb-architekten.com

 

 

 

 

 

 

Collage „Pisse en plein air 2020“. © Thomas Vietzke