Wie kann man das normale Leben in die Zentren historischer Städte zurückbringen?

Wir haben bei der Künstlerin Kateřina Šedá in Tschechien nachgefragt, die für die 16. Architekturbiennale 2018 in Venedig das fiktive Unternehmen UNES-CO (United Nations Real Life Organization) gegründet hat. Anlass dazu gab die Situation touristisch überlasteter Städte auf der UNESCO-Welterbeliste. www.unes-co.cz

Gestohlene Stadt, schizophrene, tote oder abgestumpfte Stadt, Transitstadt, Disneyland, Freilichtmuseum, Gelddruckmaschine… Begriffe, die man bei der Erwähnung von Český Krumlov zu hören bekommt, wo ich seit einem Jahr das Projekt UNES-CO realisiere. Aber auch bei der Erwähnung einer Reihe weiterer Städte werden ähnliche Assoziationen aufgerufen. Ein Schicksal, das alle Städte vereint, die auf der Welterbeliste der UNESCO stehen, wenn sich die Bewohner ihre Stadt als Lebensraum „stehlen“ lassen.

Für einen Familienurlaub bin ich nach Český Krumlov gekommen. Was ich dort in den Straßen gesehen habe, hat meine Erwartun- gen übertroffen. Touristen bevölkern die Straßen und machen die Stadt undurchdringbar. Leerstand wird sofort in Hotels, Pensionen oder Restaurants umgewandelt. Sterile Straßen, alles unter der perfekten Kontrolle von Einheimischen, die selbst aus dem Zentrum weggezogen sind. Ich habe versucht, mich zu erinnern, wo ich dieses Bild schon einmal gesehen habe. Alles kam mir irgendwie bekannt vor und trotzdem erschien mir das Bild völlig verkehrt. Jedes Detail hat Erinnerungen hervorgerufen, aber ich war nicht fähig, sie einzuordnen – ein Déjà-vu, das mich zunächst verwirrte. Dann ist es mir endlich eingefallen: vietnamesische Lebensmittel an jeder Ecke, Angst und Unbehagen, das einen befällt, Passanten, die keine Rücksicht nehmen, unpassierbare Straßen, herumstehen- de Gruppen, Geschäfte mit Waren, die niemand benötigt, viele Geschäfte mit Schmuck, ein Mix aus verschiedenen Sprachen – das ist doch die BRONX! Ein ausgegrenzter Standort! „Diebe sind das!“, beschwerte sich meine Mutter beim Anblick des Warenpreises in einer Auslage. „Ich stehle doch nicht?“, erwiderte mein Mann, als unsere achtjährige Tochter ein überteuertes Eis haben wollte. „Hier kann man wirklich nicht leben!“, so das Fazit meiner Mutter. An diesem Punkt ist mir zum ersten Mal etwas Grundlegendes be- wusst geworden, dass nämlich die schönsten Städte der Welt, die in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen wurden, Merkmale gemeinsam haben, die man ansonsten mit ausgegrenzten Stand- orten assoziiert: Häuser, in denen niemand wohnt. Geschäfte, die keiner braucht. Straßen, in denen sich Menschen nicht treffen, sondern sich gegenseitig ausweichen.

Auf Grundlage dieses Erlebnisses entschied ich mich, die Strategie der ausgegrenzten Standorte zu nutzen, um herauszufinden, wa- rum Český Krumlov wie ein Freilichtmuseum wirkt und warum die wenigen Einheimischen, die im Zentrum leben, den Touristen aus dem Weg gehen. Zu diesem Zweck habe ich das fiktive Unterneh- men UNES-CO gegründet, dessen Ziel es ist, Veränderungen in die Zentren der Städte zu bringen. Über diese Firma habe ich neue Arbeitsstellen in Český Krumlov angeboten: EIN NORMALES LEBEN BEI VOLLER BESCHÄFTIGUNG. Die Arbeitsstellen wurden mit 15 Familien für einen Zeitraum von drei Monaten besetzt (Juni – Au- gust) und jede von ihnen hat eine kostenlose Unterkunft im Zentrum der Stadt erhalten. Ihre Aufgabe war es, Tätigkeiten in den Touris- tenstädten nachzukommen, die völlig gewöhnlich sind, aber hier nicht mehr ausgeübt werden (Gesellschaftsspiele, Kinderbetreuung vor dem Haus, saubermachen, fegen usw.). Jeden Abend sollten alle Familien ihre Erfahrungen auf den Internetseiten des Projekts in der Rubrik TAGEBUCH reflektieren und schrittweise die im Zusammenhang mit dem Tourismus stehenden Probleme der Stadt aufzeigen.

Nach und nach begannen die einzelnen beschäftigten Familien Dinge aufzudecken, die auf den ersten Blick nicht zu sehen sind und grundlegend damit zusammenhängen, ob im Zentrum der Stadt jemand wohnt, oder nicht. Das spannendste Ergebnis war jedoch etwas, mit dem niemand zu Beginn der Aktion gerechnet hätte. Die Einheimischen begannen, gegen das Projekt vorzugehen: Niemand solle ihnen sagen, wie sie zu leben und was sie zu tun haben. Andere waren wütend, empfanden das Projekt als Beleidigung, da sie kopiert würden. Einige Kritiker haben den beschäftigten Familien sogar die Wäsche von der Leine gerissen oder sie ständig auf der Straße angeschrien. Die Aktion führte sogar zu einigen Protesten. Einer mündete in einer Grillparty der einheimischen Bewohner im Zentrum. Die Stimmung trübte sich, und ich erhielt Emails wie diese: „Mit Ihrem Projekt bin ich grundsätzlich nicht einverstanden und als Protest gegen Sie werde ich mit einem Hund durch das Zentrum der Stadt spazieren gehen.“ Ohne dass es den Stadtbewohnern bewusst war, begann die Aktion als Katalysator zu funktionieren – und mit ihren Protesten haben sie entscheidend dazu beigetragen.

Im Zentrum spielten sich auf einmal unglaubliche Dinge ab – die Einheimischen fingen an, sich anders zu verhalten, nicht wie in einer Touristenstadt. Sie begannen, Bettwäsche zum Lüften aus den Fenstern zu hängen, auf der Straße vor dem Haus zu feiern usw. In meiner Arbeit beschäftige ich mich schon lange damit, die Menschen anhand der Barrieren einem bestimmten Ort zuzuordnen. Diese nehmen verschiedene Formen an, manchmal ist es nur ein Satz, ein anderes Mal ein greifbares Hindernis wie ein Zaun. Und dieses Motiv begann auch im Fall einer Stadt zu funktionieren, die von Touristen überlaufen war. Das grundle- gende Problem einer solchen Stadt ist nämlich das GESTOHLENE ZENTRUM, sodass ich das Element des Verlustes genutzt habe. In gewisser Weise habe ich den Einheimischen das Zentrum gestohlen und den Menschen einen neuen Raum für ihren Alltag geschaffen. Gerade das Motiv des Diebstahls – sprich: an ihrem Ort ist schon jemand anderes – bewirkte tatsächlich eine Änderung im Verhalten der einheimischen Bewohner und langsam setzte der Wandel ein, den die Stadt tatsächlich benötigt.

Veröffentlicht im Architekturmagazin [ark] 02/2018