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BANKEN UND BEHÖRDEN • BANKS AND AUTHORITY BUILDINGS
GEMEINDEZENTRUM
IN GROSSWEIKERSDORF
Entwurf • Design smartvoll architekten, AT-Wien
Wie sehen Gemeindezentren heute aus? Und welchen Mehrwert
können diese erfüllen? Eine pauschale Antwort gibt es sicher nicht.
Für Großweikersdorf in Niederösterreich konzipierten smartvoll ar-
chitekten ein maßgeschneidertes, multifunktionales Gebäude mit-
ten im Herzen der Gemeinde – unhierarchisch, demokratisch, offen.
Architektonisch und städtebaulich ein Gewinn für den Ort und ein
realer Begegnungsraum in Zeiten immer größerer digitaler Distanz.
von • by Annette Weckesser
R und 50 Kilometer nordwestlich von Wien, in Niederösterreich, im südlichen Wein-
baugebiet, liegt die 3245 Einwohnerinnen und Einwohner zählende Marktge-
meinde Großweikersdorf. Im Zentrum des Ortes erhebt sich die nach Plänen von Fi-
scher von Erlach erbaute frühklassizistische Pfarrkirche St. Georg mit ihrem erst 100
Jahre später fertiggestellten neobarocken Kirchturm. An eben jenem Hauptplatz steht
auch das neue Gemeindezentrum des Ortes, das vor wenigen Wochen, am 3. Oktober,
offiziell eingeweiht wurde. Bereits dem Namen nach ist dieses Gemeindezentrum ex-
plizit kein Rathaus, kein Haus nur für die Räte und die Verwaltung, sondern ein Haus
für die Bürgerinnen und Bürger der Gemeinde. Der Entwurf von smartvoll architekten
aus Wien spiegelt dieses Selbstverständnis deutlich wider. Der längliche Baukörper
vereint das Gemeindeamt, ein Vereinsheim und Arztpraxen unter einem ortstypischen
Satteldach. Das Gebäude ist in kleine Einzelhäuser gestaffelt und passt sich so dem
Maßstab der lokalen Bebauung an. Durch die Positionierung des Baukörpers schufen
smartvoll architekten neue, schmale Gassen zwischen Neubau und Nachbarbebauung
beziehungsweise Brandmauern. Die Vor- und Rücksprünge des Baukörpers schaffen
kleine Plätze. Große mit Sitzgelegenheiten liegen an den Stirnseiten des Gemeindezen-
trums. Offen und transparent präsentiert sich das öffentliche Haus zum Hauptplatz hin.
Das weit auskragende Dach scheint Platz und Schutz für sämtliche Mitglieder der Ge-
meinde bieten zu wollen. Schwellen – folglich auch Hemmschwellen – gibt es nicht.
Völlig unprätentiös prägen Nadelholz und Naturstein atmosphärisch die Innenräume.
Das Foyer entpuppt sich als Wohnzimmer der Bürgerinnen und Bürger – eine Sitzinsel
mit Sofa, Teppich, Poufs, Armlehnstühlen, Beistelltischchen und Pendelleuchten. Vom
Foyer führt eine große Sitztreppe hinauf auf die offene (!) Ebene mit dem Sitzungssaal
unter dem Giebel. Die Sitzstufen sind Treffpunkt, Wartebereich und Bühne für die Bür-
gerschaft – ein überdachter Platz im Innenraum – allwettertauglich und lichtdurchflu-
tet, real statt digital. Ein Ort für sämtliche Generationen ...
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