Eine Frage an…

SHIFT/WANDEL – Talks & Tours
10. bis 13.
Januar 2020, DOMOTEX 2020, HANNOVER

 

Als Ausblick auf das Vortragsforum im Rahmen der Messe DOMOTEX geben einige der Referentinnen und Referenten sowie Frau Castellano (Global Director DOMOTEX) bereits im Vorfeld ihre Einschätzungen zum Thema SHIFT, das als Leitthema die Richtung der Vorträge und Diskussionen bestimmt.

 

Die Talks & Tours der DOMOTEX 2020 stehen unter dem übergeordneten Thema „SHIFT“.
Mit welchen Veränderungen sind Architekten derzeit konfrontiert?

Martin Haas, haascookzemmrich STUDIO2050, Stuttgart
Es ist der richtige Zeitpunkt vieles in Frage zu stellen. Denn die Debatte um eine verantwortbare Lebensqualität ist auch Ausdruck eines grundlegenden Aufbruchs. Uns dämmert, dass wir die Art, wie wir leben, ändern müssen, um auch zukünftigen Generationen die gleichen Lebensbedingungen zu ermöglichen. Es gilt Mensch, Raum und Umwelt in Einklang zu bringen. Ob in einer Architektur gearbeitet oder gewohnt wird, ist in dieser Betrachtung fast schon nebensächlich. Denn der neue Lebensstil einer ubiquitär vernetzen Wissens- und Informationsgesellschaft unterscheidet kaum noch zwischen Beruf und Freizeit. Der Wunsch nach Lebensqualität, nach Ruhe und Aufmerksamkeit, nach einer selbstbestimmten Kommunikation und dem intensiven Austausch mit anderen bestimmt heute sowohl unser Arbeits- wie auch unser Freizeitleben.

 

Jürgen Heinzel, UNStudio, Amsterdam
Eine der dringendsten Herausforderungen für die heutige Gesellschaft und natürlich auch für die Architektur ist der Klimawandel. Neue europäische Richtlinien schreiben vor, dass alle in Europa nach 2020 gebauten Häuser nahezu null Energie verbrauchen. Heute sehen wir ein zunehmendes Bewusstsein für innovative Bautechniken. Technologie bietet aber allein keine Allheillösung. Vielmehr ist es essentiell, bereits in den ersten Konzept- und Entwurfsprozessen passive Strategien zu implementieren, um den CO2-Fußabdruck unserer Gebäude durch einen integrierten Design-Ansatz zu verringern.

 


Wie können Architektinnen und Architekten den sich abzeichnenden Wandel (als allgemein gesellschaftlichen Prozess) unterstützen?

 

Sonia Wedell-Castellano, Global Director DOMOTEX
Zunächst muss ein neues Bewusstsein bei Architekten, Innenarchitekten und Planern entstehen, um Visionen voranzubringen und dennoch reflektiert auf die Bedürfnisse und Notwendigkeiten der Nutzer und deren Umwelt zu reagieren. Im nächsten Schritt wäre das meiner Meinung nach der konkrete Einsatz von entsprechenden Materialien oder die Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Partnern – um mehr vorzeigbare Projekte ins Leben zu rufen, die als Vorbild dienen.

 

Achim Menges, ICD-Institut für computerbasiertes Entwerfen und Baufertigung der Universität Stuttgart
Ziel muss es sein, das positiv disruptive Potential digitaler Technologien zu nutzen und zu gestalten, um das Planen und Bauen in einem integrativen und interdisziplinären Ansatz neu zu denken und damit wegweisende Innovationen für die Architektur zu ermöglichen. Denn der durch digitale Technologien verursachte Wandel fordert Architekten auf besondere Art und Weise: Ein originär digitales Bauschaffen wird sich nicht auf lineare Weise aus prädigitalen Ansätzen ableiten lassen.

 

 

Martin Haas, haascookzemmrich STUDIO2050, Stuttgart
Neben der Berücksichtigung menschlicher Bedürfnisse an ein Raumgerüst liegt in der Entwicklung reagibler Systeme das größte Potenzial zukünftiger Architektur. Ideal wäre, wenn sich unsere Gebäude anpassen und selbstständig durch eine Art Stoffwechsel auf Tages- und Jahreszeiten reagieren, anstatt weiterhin der Idee einer autarken Maschine zu folgen.

 

Anna Heringer, Studio Anna Heringer, Laufen

Wenn es um die Zukunftsfähigkeit der Architektur geht, bekommen für mich Recycling-Verfahren eine große Bedeutung: Für mich sollte Architektur kompostierbar sein. Sie sollte leicht in die natürlichen Kreise rückführbar sein. Daher ist der Kreislaufgedanke für mich essentiell. Mein Spezialgebiet ist der Lehm – für mich stellt er die beste Form des Recyclings dar und daher wurde er über die Jahre auch zu meinem bevorzugten Material in der Architektur. Natürlich sollte immer auch die Recyclingfähigkeit von Böden ein Thema sein – auch um am Ende Schadstoffe von den eigenen vier Wänden fern zu halten.
Zum anderen versuche ich bei Projekten stets, die Produktionskette möglichst klein zu halten, damit auch die Menschen vor Ort profitieren. Mit lokalen Materialien zu bauen und auf das Klima vor Ort zu reagieren, hat aber auch noch einen weiteren Vorteil: Es entsteht eine authentische Architektur mit Strahlkraft. So erklärt sich auch mein Vortragstitel bei der DOMOTEX: „Nachhaltigkeit = Schönheit“

 

Stefanie Wögrath, illiz architektur Wien/Zürich
Mir und meinen Mitstreiterinnen von illiz architektur liegt das Thema Identitätsbildung besonders am Herzen: Über die Gestaltung kann das Selbstverständnis von Gruppen oder Personen in Form einer verbindenden Idee, als gesteuerter Partizipationsprozess oder als Ausdruck einer Unternehmensidentität Ausdruck erhalten. Je nach Aufgabe kommen bei uns somit verschiedene Strategien zur Anwendung, um Identifikation mit einem Objekt, einem Gebäude oder sogar einem ganzen Quartier zu befördern. Allen Strategien vorweg geht das Verständnis wie und von wem diese benutzt werden sollen. Und – über Funktionalitäten hinaus – durch welche Symbole, Botschaften und Geschichten Identifikation stattfindet. Dies bringt naturgemäß vielfältige und auch widersprüchliche Vorstellungen zutage, die wir als Architekten moderieren und auch in einen übergeordneten, gestalterischen Konsens bringen müssen. In dieser Debatte kann Gestaltung heftig polarisieren, aber auch versöhnlich wirken

 

Frau Wedell-Castellano, welchen Wandel prognostizieren Sie speziell der Bodenbelagsbranche?
Wir erwarten eine steigende Nachfrage nach Teppichen und Bodenbelägen, die auf das Wohlbefinden, Natürlichkeit und Nachhaltigkeit abzielen. Das sind in dem Zusammenhang beispielsweise Produkte, die aus nachwachsenden Rohstoffen oder besonders ressourcenschonend produziert werden. Es sind Böden mit akustischen Eigenschaften oder lärmdämmenden Elementen sowie Teppiche, die Feinstaubpartikel binden oder eine wärmedämmende Wirkung aufweisen. Es sind elastische Böden, die besonders allergikerfreundlich sind sowie Echtholzdielen, die das Raumklima verbessern, indem sie Luftfeuchtigkeit speichern und bei trockener Raumluft wieder abgeben. Auch Weichheit und angenehme Haptik sowie ästhetische Ausstattungsdetails, die wohltuende persönliche Räume schaffen, können zur Verbesserung der Raumatmosphäre beitragen – und sind deshalb Themen, mit denen sich unsere Aussteller derzeit verstärkt auseinandersetzen.