Leitartikel zur Ausstellung „Wie wir laufen lernten…“

 

Zeichnen – die Sprache der Architekten

von Brigitte Jurczyk

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Großartige Architektur entsteht nicht aus dem Nichts. Noch vor dem ersten Entwurf liegt die Vision, der Traum vom großen Wurf, von der perfekten Lösung. Das, was zum Alltag aller Kreativen gehört, wurzelt meist tief in der Vorstellungskraft der Kindheit. Als das Spiel noch Welten ohne Grenzen öffnete, nur die eigenen Regeln zählten und nichts unmöglich erschien. Viele Architekten haben deshalb schon in ihrer Kindheit zu Stift und Papier gegriffen und sich in ihre Fantasien vertieft. Haben gezeichnet, was sie bei ihren Streifzügen durch die Umgebung gesehen haben, was ihnen besonders auffiel und sie ermutigte, es neu zu interpretieren.

Ein kreativer Prozess, für den es Müßiggang bedarf  – und den meisten in den jungen Jahren ausreichend zur Verfügung stand. Aber wie sieht es heute damit aus? Die Forschung sagt: Kreativität ist nicht auf Knopfdruck abrufbar. Sie entzieht sich unserer Kontrolle, wenn wir sie am dringendsten benötigen. Es ist verrückt. Aber gerade, wenn wir an nichts denken, nichts tun, springt die Region in unserem Gehirn an, die neue Ideen produziert. Also, raus aus dem Büro, rein in die Hängematte – und schon kommen die Ideen? So einfach ist es wiederum nicht!

Dieses Netzwerk im Gehirn, das Neues entstehen lässt, könnte man auch mit „Ruhezustandsnetzwerk“ bezeichnen, obwohl es alles andere als inaktiv ist. Es erledigt sogar eine Menge – gerade dann, wenn wir nichts tun: Es sortiert Gedanken und Erinnerungen, Gesehenes und Erlerntes. Aber diese Prozesse sind nicht auf Befehl abrufbar. Eher laufen sie still und heimlich ab.

So gibt es große Entwürfe, die quasi unter der Dusche entstanden. Bauwerke, deren Skizzen auf eine Tischserviette hingekritzelt wurden. Geistesblitze, die kurz vorm Einschlafen auftauchen. Beim Kochen, der Gartenarbeit, sogar beim Fahrradreparieren! Für einige Kreative beginnen ideenbringende Prozesse auch mit festen Ritualen. Da ist die Uhrzeit, längst nach Feierabend, die den Raum schafft, die Gedanken ungestört zu bündeln. Der besondere Stift, das Skizzenbuch in Leder eingeschlagen, der Schreibtisch am Fenster. All das schafft eine Atmosphäre, die uns startklar macht für Innovationen.

Oft genug gibt allerdings auch der Bauherr  oder das Denkmalschutzamt den Rahmen vor, in dem neue, noch nie gesehene Ideen entstehen. Eine Herausforderung, die uns anspornt, um die Ecke zu denken und manchmal eröffnen gerade Probleme, die gelöst werden müssen, überraschend neue Wege. Sie beleben den Entwurf und werfen uns aus den gewohnten Bahnen.

Wer schon länger „im Geschäft ist“ reibt sich manchmal verwundert die Augen, wenn eine Kinderzeichnung in die Hand fällt: Der erste Ponyhof, an dem das kleine Herz so hing, dass er auf einem Blatt Papier festgehalten musste: Der zeigte doch tatsächlich schon damals ein paar Details, die heute im Berufsalltag als Architekt(in) als eigene Handschrift auftaucht. Die Hochhäuser und Flughafentower, die der Fantasie eines 11-Jährigen entsprangen und auf Papier in den Himmel wuchsen – sie spielen heute noch eine Rolle beim eigenen Entwurfsprozess. Denn wie wir damals als Kind die Welt sahen, hat uns nachhaltig geprägt. Eine Prägung, die sich heute mit Wissen und Erfahrung paart. Und sich verwebt mit dem, was wir schon gesehen haben.

Die Vervollständigung der Idee beim Zeichnen  entspricht dem gleichen Prozess, den Heinrich von Kleist die „allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ nannte. Dass die Zeichnung im kreativen Prozess solch eine große Rolle spielt, hat auch mit ihrem Wert an sich zu tun: Sie ist der sichtbare Beweis unseres inneren Reichtums – der Vorstellungs- und Ausdruckskraft, die in ihr zu Tage tritt. Die Sprache der Architekten, die sich schon in der Kindheit vernehmen ließ.

Autorin: Brigitte Jurczyk