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Redesign statt Schreddern

Blogger: Dorothee Maier. Vom: 3. Januar 2020
Kategorie: Textil-Blog

Dorothee Maier (meierei Innenarchitektur I Design, DE-München)

Die kreative Welt der Gestalter, Designer, Innenarchitekten und Architekten lebt sehr von diesen herrlich schönen Dingen, die jährlich auf all den Design- und Produktmessen und zu Hauf auf den Markt ausgespuckt und damit auf den Planeten geworfen werden. Die Freude am überraschend Neuen hat leider eine echte Kehrseite. „Jede Woche eine neue Welt“ wirft die Frage auf: „Wohin mit der alten Welt?!“ Eines der Schlüsselthemen, die unseren Planeten bewegen, ist die Frage nach dem Wegwerfen bzw. eben dem Nichtwegwerfen.

 

Upcycling, Redesign, Veredeln durch eine hohe Handwerkskunst, Bestehendem einen neuen Schliff zu verleihen, ohne zu 100 Prozent auf neue Rohstoffe zurückzugreifen, sind einige der großen neuen Designdisziplinen, die es auch in der Kreativwirtschaft zu kultivieren gilt. Die Langlebigkeit von Produkten und Rohstoffen rechtfertigt ein Upgrade in der Verarbeitung, ein nochmaliges In-die-Hand-nehmen und Individualisieren von bereits Produziertem und Vorhandenem. Dass dies eine vielschichtig erfolgreiche Unternehmensstrategie sein kann, beweist das Label LPJ aus Deutschland, das ich im Folgenden vorstellen möchte.

Interessanterweise steht hinter der Firma eine Frau, die diese maximal nachhaltige Sichtweise im Design vorantreibt. LPJ Studios steht für eine Kollektion anspruchsvoller Interior Designobjekte, die handgearbeitete Teppiche, Decken, Kissen und Möbelstücke wie Hängematten und Liegestühle umfasst. Hedwig Bouley, die seit mehr als 30 Jahren für bekannte deutsche Fashionmarken wie René Lezard, Strenesse oder Marc O’Polo arbeitet, rief LPJ 2014 ins Leben. Im Vordergrund steht für sie dabei der höchste Anspruch an Design und Qualität.

Die Basis der LPJ-Objekte sind aussortierte Textilien der Modeindustrie. Laschen, Coupons, Garnreste und andere „Zutaten“ werden bei bekannten Modefirmen eingesammelt, bevor sie auf dem Müll entsorgt werden, und in den LPJ Studios zu neuem Leben erweckt. Ob Seide, Kaschmir oder Leinen – Unmengen solcher und anderer feinster Garne werden Saison für Saison einfach weggeworfen. Bei diesem luxuriösen Abfall handelt es sich um sogenannte ’Laschen’: Stoff- und Strickmuster, die Modehersteller von ihren Stofffabrikanten erhalten. Allein in Deutschland wandern jedes Jahr 240.000 Laschen nach Abschluss der Saisonen in den Müll. Viele bekannte deutsche Modeunternehmen, wie beispielsweise Marco O’Polo, Frauenschuh oder Riani, unterstützen bereits die Idee und Arbeit von LPJ und liefern regelmäßig ausrangierte Laschen in Bouleys Design-Headquarter in Aschau am Chiemsee.

Für LPJ sind diese Reste der Rohstoff neuer Designideen. Die gesamte Produktionskette ist fair sowie regional aufgebaut und setzt einen bewussten Gegenpart zur herkömmlichen textilen Massenproduktion in Fernost. Mit ihrem eigenen Label LPJ möchte die Modeexpertin einen wegweisenden Schritt in eine neue, nachhaltigere Ausrichtung der Textilindustrie gehen. Hedwig Bouley möchte zeigen, dass es machbar ist, Verantwortung zu übernehmen und Ressourcen wertzuschätzen – und dies auf einem hohen Designniveau.

Nicht nur die Wiederverwertung ist das Ziel, sondern auch die Entwicklung eines individuellen, unverwechselbaren Designerstücks. Bouley verbindet mit dem Projekt LPJ zwei Welten: High Upcycling Fashion und Interior-Design. Der Name LPJ steht für die Vornamen ihrer drei Kinder: Lisa, Paul und Joseph – eine Widmung an die Zukunft in doppeltem Sinne!

 

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