Newcomer

Stipendiaten-Blog: Bastian Feltgen

Interior Scholarship – das AIT-Stipendium der Sto-Stiftung

Blogbeitrag 10.04.2018

Letztes Semester habe ich ein architektonisches Konzept untersucht, welches sich mit historischen Architekturen beschäftigt, die unter dem Druck sozialer Entwicklung ihre eigentliche Funktion verlieren. Inspiriert durch den Kontext und die miteinander zusammenhängende Entwicklung von Form, Funktion und Nutzer ist ein Raum entstanden, der versucht die momentane Entwicklung zu unterstützen und die als historisch und nicht mehr zeitgemäß eingeschätzte Architektur anzupassen.

Wie schon in einem meiner ersten Blog-Einträge erwähnt entstand die Idee dieser Arbeit während der ersten Auseinandersetzung mit dem Gebiet um den Friedhof Assistent Kirkegård in Nørrebro, Kopenhagen. Unter dem Druck sozialer Entwicklungen wurden viele Räume in diesem Gebiet neu definiert und an aktuelle Lebensstile und moderne Ideologien angepasst. Angrenzende Kirchen wie Hellig Kors Kirke, Brorsons Kirke und Blågårds Kirke haben ihre Funktion entweder völlig verändert oder versuchen sich an die stattfindenden Entwicklungen anzupassen. Somit finden in diesen alt religiösen Räumlichkeiten nicht nur Messen, sondern auch Konzerte, Übernachtungsmöglichkeiten für Obdachlose sowie kulturelle Events statt.

Doch nicht nur die angrenzenden Kirchen, sondern auch der um 1760 gegründete Friedhof Assistent Kirkegård ist alles andere als ein normaler Ort der Bestattung, Trauer und des Gedenkens. Anfangs noch außerhalb der Stadtmauern gelegen hat Kopenhagen im Laufe der letzten Jahrhunderte den Friedhof vollkommen umschlossen. Obwohl heutzutage noch immer Bestattungen in gewissen Bereich des Friedhofs stattfinden, wird dieser schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch als Naherholungsgebiet genutzt. Der Zusammenhang von sozialem Wandel und die dadurch entstandene Koexistenz von Funktionen in diesem Areal ist Inspirationsquelle für die vorangegangene, sowie kommenden Entwurfsaufgabe.
Letztes Semester ist somit eine kleine Bibliothek mit anliegenden Leseraum entstanden, die inspiriert durch die vorherrschenden Funktionen und sozialen Veränderungen in Nørrebro (speziell in und um den Friedhof Assistent Kirkegård) die Funktion der Friedhofsmauer erweitert. Das kulturelle Erbe, die atmosphärischen Qualitäten und die Identität, die in der bestehenden Architektur und den angrenzenden Kontexten vorhanden ist, sind wichtige Bestandteile und wesentlich zu erhalten.
Innerhalb des kommenden Semesters werde ich unter Berücksichtigung der Ergebnisse des letzten Semesters das Projekt fortführen und das entstandene Programm erweitern. Von der Mauer als Teil von Assistens Kirkegård hin zum ganzen Friedhof. Die Idee ist es mehrere Miniaturarchitekturen zu entwerfen, die die unterschiedliche Nutzung des Friedhofs unterstützen. Anhand dieser Interventionen möchte ich hierbei insbesondere neben den Bereichen der Erholung auch die Funktionen des Friedhofs mit einbeziehen.
Während der Fokus architektonisch auf den Miniaturarchitekturen und deren Ausarbeitung liegen wird, werde ich mich mit der Frage beschäftigen inwieweit religiöse Institutionen, in der aktuellen politischen Entwicklung, in der Lage sind die gefährdeten Infrastrukturen unserer Sozial- und Wohlfahrtstaaten zu unterstützen.
Der Beginn des zweiten Semesters galt der Aufarbeitung des vorangegangenen Entwurfs und der damit verbundenen Entwicklung einer Idee, wie sich dieses Projekt im kommenden Semester weiterführen lässt. Im Vergleich zum vorherigen Semester liegt der Schwerpunkt im Frühling auf der architektonischen Ausarbeitung – da davon ausgegangen wird, dass wir uns im letzten Semester genügend theoretischen Hintergrund angeeignet haben, der nun eine architektonische Form bekommen soll. Auch wenn das Programm relativ viele Freiheiten mit sich bringt, wir kaum Vorlesungen oder Seminare haben, so gibt es doch immer wieder kleinere, entwurfsbegleitende Aufgaben, die uns bei unserer Konzipierung einen bestimmten Fokus vorgeben. Solch kleine „Briefs“ sind ein wesentlicher Bestandteil des Programms und hilfreich für einen gemeinsamen Diskurs im Studio. Beispielhaft für diesen Ansatz sind die letzten drei Wochen. Hierbei wurden wir gebeten uns nicht auf den gesamten Entwurf zu konzentrieren, sondern sollten uns ein Detail aussuchen, um dieses dann in den Werkstätten im Maßstab 1:5 bis 1:1 zu studieren.
Die Frage nach einer angemessenen Materialität, die in der Lage ist die historisch gewachsene Identität, sowie die moderne Interpretation auf ähnliche Art und Weise zu repräsentieren hatte mich schon letztes Semester beschäftigt. Somit entschied ich mich den Fokus vom Detail auf die Materialität zu verschieben um genau dies zu untersuchen. Entstanden ist hierbei ein Betongemisch, welches durch die Integration von Zuschlägen, entnommen aus der existierenden Architektur, einen Terrazzo ähnlichen „Look“ erhält. Dachziegeln und Ziegelsteine sind die Hauptzuschläge, welche in drei verschiedene Aggregatgrößen zerkleinert werden. Dadurch entstehen nicht nur Zuschläge, sondern auch Pigmente welche dem Zement neben gesprenkelten Oberflächen auch eine an die existierende Architektur angelehnte, flächendeckende Farbe verleiht. Entstanden sind im Endeffekt sechs verschiedene, homogene Betongemische – drei mit Zuschlägen aus dem Dachziegel und drei mit Zuschlägen aus dem Ziegelstein. Gemixt mit zwei verschiedenen Zementsorten ist ein heterogener Stein entstanden, dessen Nutzung ich in den kommenden Wochen nun erörtern werde.