Neue Standards. Zehn Thesen zum Wohnen. Leitartikel im Newsletter 05/17

Anschluss gesucht
Olaf Bahner und Matthias Böttger
Jetzt muss es ganz schnell gehen: Wohnungen sollen zügig und in großer Zahl gebaut werden. Und zu erschwinglichen Mieten. Mehr Wohnraum und bezahlbar für alle – eine durchaus berechtigte Forderung. Doch lässt sich die mit gesellschaftlicher Wucht gestellte Wohnungsfrage allein mit einem forcierten Neubau lösen oder liegen die Probleme für den aktuellen Wohnungsbau weitaus tiefer?
Die viel beschworene „Renaissance der Stadt“, die einst so schön gedacht war, hat maßgeblich zur Verteuerung des Wohnens beigetragen: Einkommensstarke Schichten, die zuvor in suburbanen Lagen wohnten, sollten wieder in die Innenstädte ziehen. Und sie kamen tatsächlich – mit ihnen dynamisierte sich die räumliche und preisliche „Aufwertung“ der Innenstädte. Das attraktive Bild vitaler Innenstädte mit dem prosperierenden Segment der Eigentumswohnung – sei es nun in den hochpreisigen Townhouses oder in der selbstverwirklichten Baugruppe – darf nicht verdecken, dass dadurch die gewaltige Nachfrage für preisgünstiges Wohnen nicht befriedigt wird. Im Gegenteil: Städte verlieren durch Sanierung und Aufwertung stetig bezahlbaren Wohnraum. Doch nicht nur Mietpreise stiegen, sondern auch die Bodenpreise, die das Wohnen weiter verteuern.

Aufgrund der zunehmenden Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen fällt es selbst der Mittelschicht zunehmend schwer, sich Wohnraum in diesen Städten zu leisten. Immer mehr Dienstleister und Angestellte sind zum täglichen Pendeln zwischen Arbeits- und Wohnort gezwungen, Rentner und Migranten werden aus ihren Stadtteilen verdrängt. Verschärft hat diese Situation die von vielen Kommunen sukzessive aufgekündigte soziale Wohnversorgung.

Für eine Antwort auf die Frage, warum sich Wohnen verteuert, lohnt aber auch ein Blick auf den Wohnflächenbedarf: 1991 reichten nach Angabe des Statistischen Bundesamtes noch durchschnittlich 34,9 Quadratmeter Wohnfläche pro Person, 2002 waren es erstmals 40 Quadratmeter und bis 2014 steigert sich der Schnitt auf 46,5 Quadratmeter. Das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung prognostiziert, dass sich dieser Trend fortsetzt und der „Durchschnittsbürger“ 2030 auf 50,1 Quadratmeter im Eigentum und auf 48,5 Quadratmeter im Mietbereich wohnt.

Größer zu wohnen bedeutet auch, teurer zu wohnen. Doch erweist sich die Notwendigkeit einer Wohnung oder eines Hauses in der XXL-Version oft als Trugschluss. Geplant für die Maximalbelegung – eine Familie mit zwei Kindern –, gestalten sich individuelle „Flächenbiografien“ meist ganz anders. Die Kernfamilie lebt, gemessen an der Lebenserwartung, nur einen relativ kurzen Zeitraum in der gemeinsamen Wohnung. Hinzu kommt die Vielfalt heutiger Lebensbeziehungen, denen in verschiedenen Lebensphasen flexibles Wohnen stärker gerecht werden muss.

Soll Wohnungsbau wieder als sozial- und stadtentwicklungspolitisches Instrument eingesetzt werden, brauchen wir ein politisches Umsteuern, das ein öffentliches Engagement für Wohnen entfacht. Fast noch wichtiger als das politische Umsteuern ist der Mut zu einem Perspektivenwechsel, um auch im Wohnungsbau den Anschluss an eine sich wandelnde Gesellschaft zu schaffen: In welchem Verständnis, mit welcher Haltung soll das gewaltige Volumen an neuen Wohnungen gebaut werden? Weiter so wie bisher – in den klassischen Wohntypologien „Single“ und „Kleinfamilie“? Und in der Vielfalt eingeschränkt durch technische Standards wie DIN-Normen und EU-Richtlinien, durch Verordnungen und Auflagen, die Wohnen auf den Schutz vor Klima, Brand und Lärm reduzieren?

Es scheint sinnvoll, die „Komfortzone des Gewohnten“ zu verlassen und Wohnen im Kontext einer sich verändernden Gesellschaft neu zu denken. Damit verbunden ist ein Wandel von quantitativen technischen Standards, die über Minimalvorgaben eine Tendenz zu standardisierten Wohnungen bewirken, zu neuen Standards, die den Menschen mit seinen Lebensgewohnheiten in den Mittelpunkt stellen und Qualitäten des Wohnens beschreiben. Sicher ist das Abarbeiten konkreter technischer Standards, zudem staatlich geprüft und bescheinigt, leichter. Doch die Realität ist eine andere – und für diese gilt es, Wohnungen zu bauen.

Im Rahmen des vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit ins Leben gerufenen Bündnisses für bezahlbares Wohnen und Bauen hat der Bund Deutscher Architekten BDA die Chance erhalten, Qualitäten des Wohnens aus Sicht von Architektinnen und Architekten neu zu formulieren. Dazu wurden zehn Architektinnen und Architekten aus dem deutschsprachigen Raum, die durch innovative Wohnbauten in unterschiedlichen Maßstäben bekannt geworden sind, eingeladen, einen aus dem persönlichen Erfahrungshintergrund relevanten „Neuen Standard“ für den Wohnungsbau zu formulieren. In mehreren Workshops sind dabei zehn individuelle, durchaus subjektive und manchmal widersprüchliche Thesen entstanden, die die Berechenbarkeit technischer Standards gegen die Chance auf ein Nachdenken über zukunftsweisendes Wohnen eintauschen.

Zehn Thesen


1. Stadt verhandeln

Matthew Griffin

Die dringende Frage, welche Stadt wir wollen, entscheidet sich in der Bodenpolitik. Wie sozial, wie vielfältig und wie offen sich die Stadt entwickelt, wird im starken Maße dadurch bestimmt, mit welchen Verfahren und mit welcher Zielsetzung Grundstücke vergeben werden. Kommunen setzen mit behutsamen Vergabeverfahren neue Maßstäbe für eine partizipative, sozialverträgliche und nachhaltige Stadtentwicklung. So können Bürger am Werden der Stadt teilhaben und Verantwortung für ihren Lebensort übernehmen. Behutsame Vergabeverfahren verhandeln öffentlich und transparent, welche Grundstücke von wem für welchen Zweck genutzt werden. Vergabeentscheidungen orientieren sich nicht am ökonomischen Erlös, sondern am gesellschaftlichen Wert der künftigen Nutzung und respektieren ökonomische Gegebenheiten der Bürger. Generell werden städtische Liegenschaften nicht verkauft, sondern ausschließlich verpachtet.

2. Dichte als Möglichkeit

Tim Heide/Verena von Beckerath

Die großen Anstrengungen des Stadt- und Siedlungsbaus der Nachkriegszeit, die mit der Einführung von einheitlichen Standards im sozialen Wohnungsbau einhergingen, haben weitgehend konforme Familienstrukturen sowie die Trennung von Arbeiten und Wohnen vorgesehen. Heute ist die Gesellschaft sozial, ökonomisch und kulturell vielfältig differenziert. Angemessene und gleichzeitig selbstbestimmte Lebensentwürfe sind weder von der Teilnahme am kollektiven Leben noch von den Kosten und einer gerechten Verteilung von Wohnraum zu trennen. Allerdings führt gerade die zunehmende Verdichtung der Städte zu sozialer Ausgrenzung, weil die Grundstückspreise und folglich die Aufwendungen für das Wohnen stetig steigen. Vor diesem Hintergrund bedarf es einer kritischen Reflexion, wenn nicht einer spekulativ-utopischen Konzeption von Dichte. Gemeint ist eine räumliche Dichte, die ihren Kontext offenlegt, eine Verbindung von Orten, Ereignissen und Interaktionen ermöglicht und in deren Zentrum die Bedürfnisse der Menschen selber stehen.

3. Wohnraum individuell ausbauen

Henri Praeger/Jana Richter

Der individuelle Ausbau von Wohnraum eröffnet seinen Bewohnern die Möglichkeit, ihre Bedürfnisse in die für sie gebaute Umgebung einzubringen. Wohngebäude sollen entsprechend geplant werden. Eine robuste Grundstruktur, die als Teil der Stadt dauerhaft Bestand hat, ermöglicht Einheiten unterschiedlicher Größe mit vielfältigen Grundrissvarianten und Gestaltungsoptionen, die unabhängig voneinander ausgebaut werden können. Die Errichtung der jeweiligen Gesamtgebäude müsste in technischer, wirtschaftlicher und rechtlicher Hinsicht vom Ausbau der Wohnungen getrennt werden. So werden Gebäude im Rahmen der gesetzlichen und baulichen Normen möglich, die den Bewohnern wertvolle Flexibilität für den individuellen Ausbau und für den zukünftigen Umbau bieten. Das Engagement der Nutzer prägt die entstehenden Nachbarschaften und gibt ihnen eine eigene Identität und sozialen Zusammenhalt.

4. Monotonie ist Qualität

Matthias Rottmann

Serielles Bauen ist unromantisch. Es stellt weder den Schaffenden noch den zukünftigen Bewohner ins Zentrum des Entwurfsprozesses, sondern ist die Verschneidung eines egalisierenden Gesellschaftsbildes mit einem volkswirtschaftlichen Optimierungsgedanken. Das serielle Bauen scheint Opfer seines eigenen Erfolges geworden zu sein. Die pure Möglichkeit, in großem Stil immer wieder die gleiche Einheit zu reproduzieren, schien in der Vergangenheit so verlockend, dass dabei städtebauliche und gesellschaftliche Aspekte immer weiter ausgeblendet wurden. Letztendlich hat das serielle Bauen durch diesen Substanzverlust in West- wie Osteuropa spätestens 1989 ein Ende gefunden. In den letzten Jahren sind wieder einzelne Projekte entstanden, die einen anderen Weg gehen. „Adaptable Prototypes“ (anpassungsfähige Prototypen) und Kleinserien, die wie hochspezialisierte Medikamente für bestimmte Situationen oder funktionale Anforderungen eingesetzt werden können, bieten neue Ansatzpunkte auch für die gestalterische Qualität. Diese Typen sind für eine Aufgabe oder eine spezielle Situation entwickelt, werden kontinuierlich optimiert und somit besser als ein Unikat.

5. Respekt vor dem Unspektakulären

Antje Osterwold/Matthias Schmidt

Die Reduktion technischer Standards und die Abkehr von Stereotypen sind der Ausgangspunkt für eine neue Kultur des Wohnens, in der das alltägliche Leben der Menschen in den Mittelpunkt rückt. Befreit von überregulierten Anforderungen, übersteigerten Erwartungen und oft beliebig wirkenden Klischees richtet sich das Wohnen an den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen aus und lädt zur Entfaltung des persönlichen Raums ein. Es gilt, den Kern des Wohnens zu erkennen, sich auf ein erforderliches Maß bei der Konzeption des eigenen Wohnraums zu besinnen und Essenzielles auszuwählen. Je selbstverständlicher der Bezug zur Lebenskultur der Menschen und ihrem Eigensinn gelingt, umso wahrhafter ist die Authentizität und Atmosphäre des Wohnens.

6. Das Unterschiedliche im Nebeneinander

Gudrun Sack

Neue Wohnformen und Wohntypen sind im Kontext der neuen Unübersichtlichkeit unserer Gesellschaft zu entwickeln. Sie sollten sich für unterschiedliche Lebensvorstellungen eignen und den sich wandelnden Wünschen und kulturellen Besonderheiten von Mietern und Käufern nachkommen: Wohnen mit der Familie, in der Gemeinschaft, mit hohem Anspruch oder mit minimalem Budget, Wohnen und Arbeiten kombiniert, Wohnen in teilbaren Einheiten, die sich an verschiedene Lebensphasen anpassen können. Das Unterschiedliche im Nebeneinander ermöglicht es, den bestehenden Stadtstrukturen vielfältige Wohnformen und Wohntypen hinzuzufügen. Die Durchmischung wird damit zum Programm. Wohnquartiere erfahren mit neuen Bewohnern einen qualitativen Zugewinn und eine soziale Erneuerung.

7. Wer teilt, hat mehr

Anne Kaestle

Wie viel Raum ist genug ? Hochpreisige Städte wie New York und Tokio nehmen eine Entwicklung vorweg, die inzwischen auch unsere europäischen Städte erfasst hat und sich weiter verschärfen wird: Wohnraum wird immer weniger bezahlbar. In der Folge reduziert sich die Wohnraumfläche pro Kopf entsprechend den finanziellen Möglichkeiten, bis das existenzielle Minimum erreicht oder gar unterschritten wird. Daher brauchen wir Wohnmodelle, die den Mehrwert urbanen Lebens in dichten Stadtquartieren offenkundig machen, die zeigen, wie der Einzelne mit einer reduzierten Wohnfläche leben kann und dabei von der verschwenderischen Großzügigkeit des Ganzen profitiert. Luxus wird neu definiert: Der Mehrwert liegt in der Gemeinschaft. Jede Wohnung muss dem Bedürfnis nach Geborgenheit und Privatsphäre gerecht werden, auf der anderen Seite braucht es ein vielfältiges Angebot, an der Gemeinschaft teilzunehmen. Wohnqualität basiert auf einem wohl proportionierten Verhältnis von privaten Wohnbereichen und einem gesunden Anteil an gemeinschaftlich genutzten Flächen, dem Shared Space.

8. Denke nicht in Korridoren!

Sabine Pollak

„Denke nicht in Korridoren!“ ist eine Anleitung für ein ungewohntes und doch erschwingliches Wohnen. Das Motto ist zweideutig. Geht es um zukünftiges Wohnen, sollte man mit Konventionen brechen und nicht in Korridoren denken. Andererseits sind Korridore brauchbare Erschließungselemente und bieten Chancen für neue Nutzungen. Sie machen Treppen und Lifte überflüssig und erzeugen entlang ihrer Längsachse die Möglichkeit zur Kommunikation. „Denke nicht in Korridoren!“ rehabilitiert den oft als zu lang, zu dunkel, zu eng diskreditierten Gang. Aus Gängen werden Erweiterungen zum Wohnen, Stauräume, Galerien, Marktzonen, Passagen und Wintergärten zugleich. „Denke nicht in Korridoren!“ ist ein Appell, wie aus einfachen Gängen komplexe Korridore werden können. Der private Raum wird kleiner, das Wohnen wird preiswerter und einer drohenden Isolation wird vorgebeugt. Es kommt allerdings auf die richtigen Maße, Proportionen, Belichtungen und Atmosphären an.

9. Gnadenlos Privat

Rainer Hofmann

Wohnen ist privater Raum, in dem man die Zumutungen der Welt hinter sich lassen kann und der Sicherheit verleiht. Wohnen wendet sich andererseits dem Öffentlichen zu und ist subtil im öffentlichen Raum präsent. Privatheit und Öffentlichkeit bedingen sich im Wohnen – und dies mit komplexer werdenden Schnittstellen. Architektur muss dieses bereichernde Wechselspiel nicht nur zulassen, sondern Möglichkeitsräume dafür schaffen, die sich im privaten Leben entfalten, aber gleichzeitig die strikten Grenzen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen auflösen und den Wunsch nach privater Aneignung des gemeinsam genutzten Raums erfüllen. Sehnsucht und Bedürfnis, dem Gebauten Individualität zu geben, kann im Konflikt mit der gestalterischen Aufgabe stehen, ein architektonisches Ganzes zu schaffen. Dafür ist eine belastbare Struktur zu schaffen, die zugleich eine private Aneignung erlaubt und die Zuwendung zum Öffentlichen ermöglicht.

10. Re-Standard

Muck Petzet

Wir sind geschützt und in Watte gewickelt durch ein alles bestimmendes Regelgeflecht von „Mindeststandards „, Mindestgrößen und Mindestqualitäten. Die „Höhe“ der Standards ist direkter Ausdruck der Höhe unseres Lebensniveaus. Es scheint dabei eine unabänderliche Regel zu geben: Standards werden immer höher, strenger, sicherer, restriktiver, teurer. Dieser Automatismus sollte umgekehrt werden: Eine Re-Standardisierung könnte ein notwendiger „Reset“ sein, der unserem „Age of Less“ entspricht: Wir sollen ja weniger Ressourcen verbrauchen und weniger Energie verschwenden – dabei sollten wir dann aber auch weniger „abgesichert“ und dafür freier sein. Lernen wir von vergangenen Zeiten und anderen Ländern, in denen Menschen in kleineren Wohnungen und engeren Zimmern lebten, in denen Menschen jeden Tag steile und enge Treppen stiegen, auf nackten Bohlen und schnödem Estrich lebten, in denen Städte aus gemischten, dichten, lebendigen und lärmigen Quartieren bestanden. Ein neuer Re-Standard entsteht durch die Abschaffung existierender Standard-“Schichten“. Die Re-Standardisierung legt früher gültige und heute noch sinnvolle Standards frei und entwickelt sie weiter zu Regeln, die am Gemeinwohl orientiert sind.